Schon morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, könnten Sie in eine ähnliche Situation kommen, wie hier beschrieben. Handeln Sie dann bitte nicht unüberlegt und seien Sie sich der Gefahr für Ihr Leben bewusst! Das Ganze könnte sich so oder so ähnlich abspielen, wie hier beschrieben:

Sie stehen in einem Supermarkt an der Kasse. Vor ihnen befinden sich noch andere Kundinnen und Kunden mit einer Vielzahl von Waren in Körben und Einkaufswagen. Sie warten, sind ein wenig ungeduldig, weil es nicht schneller vorwärts geht und machen sich Gedanken, wie Sie es am kommenden Wochenende vermeiden können, wieder hier in dieser gnadenlos langen Schlange zu stehen.

Schließlich ist glücklicherweise nur noch eine Kundin vor Ihnen und hat keine unübersichtliche Menge Artikel auf das Band gelegt. Die Kassiererin schiebt gelassen eine Packung nach der anderen über den Scanner, der einen gleich lautenden Okayton von sich gibt.

Dann sagt sie: „Das macht 1743 Euro und 24 Cent!“

Sie sehen, wie der Mund der Kundin von Ihnen sprachlos offen bleibt und sie dann aufgeschreckt erwidert: „Wie, was? Das kann doch nicht sein! Das sind doch nur 6 frische Eier, 2 Flaschen Rotwein, ein Bund Schnittlauch und eine Packung Knäckebrot.“

Die Kassiererin aber ist sich ihrer Sache sicher und erklärt der Frau: „Sie haben Recht, wenn Sie nur die Waren zusammenrechnen. Aber das ist Vergangenheit. Das Handelsunternehmen, bei dem Sie hier einkaufen und ich beschäftigt bin, hat vor einigen Tagen beschlossen, dass sich die Mitarbeiter ihren Lohn ab jetzt von den Kunden holen müssen. Heute ist der 27.! Ich muss meine Miete und für meine Tochter die Kitagebühren bezahlen. Seit gestern steht im Mitarbeiterbüro eine Lostrommel, in der sich Kugeln mit Zahlen von 1 bis 50 befinden. Ich habe heute Morgen die 37 gezogen. Und Sie sind meine 37. Kundin.“

Die Angesprochene blickt unruhig um sich, um zu sehen, ob irgendwo in der Nähe an einer Wand eine unsichtbare Kamera installiert ist, und sie sich mit ihrer Reaktion nur lächerlich machen soll. Entdeckt aber nichts Derartiges, spürt vielmehr den wachsenden Druck und die Nervosität der Menschen in der Schlange hinter ihr: Sie versucht noch einmal die drohende Gefahr von sich abzuwenden, indem sie mit ruhiger Stimme zu reden beginnt: „Junge Frau, nein, das meinen Sie nicht im Ernst. Das kann doch nur ein Scherz sein. Ich möchte jetzt meine Waren bezahlen und dann diesen Laden hier verlassen und nach Hause gehen.“

„Zu spät!“, wendet die Kassiererin ein. „Ist bereits alles so verbucht. Nicht mehr zu ändern. Wenn Sie nicht bezahlen, wird morgen niemand mehr hier an der Kasse sitzen und der Laden macht nur wegen Ihnen dicht.“ Verzweifelt sucht die festgehaltene Kundin in den Gesichtern der hinter ihr Stehenden Hilfe. Aber ihr gähnt nur Desinteresse entgegen. Die Kassiererin lässt sich nicht beirren: „Oder wollen Sie, dass meine Kollegen hier im Markt in Graf-Dracula-Kostümen einen x-beliebigen Kunden überfallen und ihn bis zum obersten Rand seines Überziehungskredites aussaugen? Wollen Sie das? Wirklich?“

Die Kundin reagiert nun genervt und ruft mit schriller Stimme: „Alles, was Recht ist, aber Ihren Lohn bezahle ich nicht!“ Die Kassiererin springt auf und ruft nach hinten: „Sie will nicht zahlen!“

Im Laufschritt erscheinen einige kräftige Männer und umringen die gesamte Schlange der wartenden Kunden. Der Abteilungsleiter erklärt mit lauter Stimme: „Dann eben alle! Je nach Finanzlage oder Geldbeutelinhalt. Sie wollten es nicht anders. Und wir haben Zeit!“ Er drückt auf einen Knopf unter der Kasse und die Ausgangstür schließt sich. „Und wenn ich Ihnen“, ergänzt er, „noch eines wärmstens empfehlen kann: Zahlungsunwillige spendieren wir einen Kurzurlaub in unserem herrlich erfrischenden Kühlraum!“

Das „beruhigt“ auch den erzürntesten Kunden und alle zusammen sehen sich nun gezwungen, einen Anführer zu bestimmen, einen Mann im gleichen Alter wie der Abteilungsleiter, der ihre Interessen vertritt. Angesichts ihrer Notlage beschließt die Kundengruppe zudem, die Forderung als solche akzeptieren, nicht aber deren Höhe.

Die beiden Verhandlungsführer ziehen sich in das Büro des Abteilungsleiters zurück und setzen sich hinter bzw. vor dessen Bürotisch. Der Abteilungsgleiter ahnt bereits die Strategie seines Gegenspielers und eröffnet das Gefecht mit einer Attacke: „Sie wollen uns also herunter handeln! Klug gedacht, aber nicht zu machen. Die junge Frau an der Kasse muss seit einigen Wochen vom Lohn auch noch die neue Alleinerziehendensteuer bezahlen. Ganze 400 Euro pro Monat. Wir können Ihnen also nur anbieten: Minus 400 und im Gegenzug heiratet einer der anwesenden Herren die junge Dame. Allerdings auf der Stelle. Das heißt: Sofort!“

Der Kundenvertreter ist entwaffnet: „Immerhin ein Angebot!“ räumt er ein. „Wir hätten aber noch einen anderen Vorschlag: So eine Art Rabattsystem, oder wie immer Sie es nennen wollen: Alle von uns, die jetzt zahlen, erhalten im Gegenzug von Ihnen eine Art Freibrief, der uns garantiert, in den nächsten Wochen von weiteren Zugriffen verschont zu bleiben.“ Der Abteilungsleiter seufzt: „Sie haben noch Vorstellungen! Rabatt, Freibrief, Garantie? Lesen Sie denn keine Zeitungen? Sehen Sie nicht fern? Ich will Ihnen ganz offen meine Meinung sagen: Dies ist ein Akt wirtschaftlicher und sozialer Notwehr. Welche Formen diese Notlagen in Zukunft noch annehmen werden und als Konsequenz welche notwendigen Reaktionen das bei uns Wirtschaftstreibenden haben wird, kann heute niemand vorhersagen. Und deshalb ist es mir auch nicht möglich, Ihnen bzw. den anderen - von uns vorübergehend in ihren Freiheitsrechten Eingeschränkten, für die Sie als Vertreter auch sprechen - Garantien zu geben. Wie gesagt, ich kann Ihnen nur eines anbieten: Jeder unverheiratete Herr in der Schlange nimmt - nach einer kurzen Internettrauung hier gleich vor Ort - eines meiner unverheirateten Mädels mit nach Hause. Und ich ziehe von der Gesamtsumme für jede Schnellehe 400 Euro ab!“

Damit enden die Verhandlungen. Vom Ergebnis informiert, greifen alle Kunden zu ihren Portemonnaies und blättern die darin befindlichen Scheine und Münzen auf das Band. Zwei Männer erklären sich zu einer Blitzehe bereit. Das geht dann auch wirklich schnell. Kaum sind die Trauungen vollzogen und der Restbetrag in bar oder per Unterschrift verbucht, wird die Tür entriegelt. Erleichtert besteigen die Kunden mit ihren Waren, auch die Neuschnellvermählten mit ihren Expressehefrauen, ihre Fahrzeuge und brausen davon.

In einem offenen Halbkreis um den Abteilungsleiter stehend, blicken die verbliebenen Mitarbeiter ihnen nach. „Wissen Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen”, erklärt ihr Chef, „ich habe denen für den Wiederholungsfall zwar einen Bonus eingeräumt, aber der wird ihnen nichts nützen. Denn wie Sie wissen, plane ich als Nächstes die Aktion „Künstliche Verknappung aller Lebensmittel durch Umweltkatastrophen“. Entsprechend grausam wird der Anstieg der Preise sein. Den Bonus können die da vergessen. Ist viel zu gering. Mit diesen indirekten Methoden, meine ich, werden wir unsere Löhne leichter zusammen bekommen als mit diesem aufwändigen Verfahren.“ Die anderen nicken zustimmend.