Um den Unterschied zwischen Reichen und Armen aufzuzeigen, wird auf die Ungleichverteilung des Besitzes hingewiesen oder es werden Symbole zur Darstellung des Gegensatzes eingesetzt: Tulio Restrepo hat dabei das unterschiedliche technische Niveau von armen und reichen Gesellschaften im Blick, wenn er auf der einen Seite die strenge Ordnung von Stromfernleitungen in Industriestaaten, auf der anderen Seite das Chaos und die Anfälligkeit von Stromverbindungen in vielen armen Gegenden der Welt zeigt. In der Arbeit von Dmitry Babenko ist die „Kleidung“ des armen Fisches geflickt, der reiche Fisch aber zeigt durch prachtvolle Ornamente seinen Wohlstand. (In ähnlicher Weise zeigt das auch Michel Madrange.) Emilio Carrrasco nutzt zum gleichen Zweck eine Schaufensterpuppe in einer Boutique, die gerade auf ihre neue Bekleidung „wartet“, während an der Stelle ihrer durch den künstlerischen Eingriff abgeschnittenen Unterschenkel und Füße die aus Lumpen bestehenden „Schuhe“ der ebenso gesichtslosen Armen sichtbar werden. Dieser Aspekt der Anonymität von Reichtum und Armut kennzeichnet zahlreiche Arbeiten. So auch die von Hans Hess und Daniela Lewin, die Hände/Arme einsetzen, um die Unterschiede deutlich werden zu lassen: Bei Hess sieht es so aus, als ob die arme Hand nach der „Reichen“ greifen würde, während die Geste der reichen Hand sowohl als Geben wie als Abwehr verstanden werden kann. Eberhard Janke (Janus) geht ebenfalls in symbolischer Form auf diesen Unterschied ein: In der Arbeitswelt – so eine seiner Arbeiten – erteilen die Führungskräfte die Anweisungen und arbeiten in Konferenzen und am Telefon vor allem mit dem Kopf bzw. Mund (talk), während die Ärmeren noch immer ihre körperliche Kraft (work) verkaufen müssen, um zu überleben. Wakystuff präsentiert in klassischer Comicbildtradition den Reichen als Schweinchen und die Armen als obdachlos Asylsuchende in einer Hundehütte. Das klassische Comicpaar, das in unzähligen Geschichten immer wieder den Versuch des einen, zu Geld zu kommen und dabei aus Gutgläubigkeit, Naivität oder fehlenden Fähigkeiten zu scheitern, und den Triumph des Reichen zeigt ist die Spannungskonstellation von Donald und Dagobert Duck. Der alte Geizhals hat stets den richtigen Riecher für gute geschäftliche Möglichkeiten und verfügt auch über die Mittel, sich an jeden Ort der Welt zu begeben, um notfalls in eigener Person – denn Dagobert ist ein Misanthrop, der keinem traut – die Kontrolle über die richtige Ausführung seiner Anweisungen zu übernehmen. Donald dagegen möchte im Grunde nur seinen Frieden haben und eben ab und zu auch etwas Glück. Da er dann aber oft doch nicht mit dem wenigen zufrieden ist, das er hat, lässt er sich wie ein Esel mit vorgehaltenem Grasbüschel aus seiner Behausung locken und ist am Ende doch nur um Erfahrungen reicher und nicht an Geld.
Michel Madrange hat den einen Aspekt der Dagobertschen Überlegenheit treffend ins Bild gesetzt. Der Reiche verfügt über mehr Information als der Arme und versteht sie auch zu nutzen, das heißt er hat schon vor dem Beginn des Kampfes um die größeren Anteile vom Vermögenskuchen einen erheblichen Platzvorteil. Dieser kann mit Lubomyr Tymriv auch darin bestehen, dass er ein eigenes Haus besitzt, in dem er sich gut erholen und damit besser auf die nächste Arbeitswoche vorbereiten kann. Aber Tymriv deutet auch an, dass Besitz Neid hervorruft und jeder Hausbesitzer sein Eigentum schützen muss (bei ihm mit einem Hund), und sich nach seiner Meinung dadurch von der Natur abgrenzt, weil diese keinen Privatbesitz kennt und deshalb alle Tiere grundsätzlich zu den Armen zu rechnen sind.
Abstraktere Mittel der Darstellung des Unterschiedes von arm und REICH setzen Magda Lagerwerf und Piet Franzen ein, wenn sie den Gegensatz in bildlicher Form als einen von Gold bzw. von Masse gegen Nichts darstellen. Auch Marina Salamaso versucht in reduzierter Zeichensprache die Masse des Reichtums im Verhältnis zur geringen Größe des Eigentums von Armen sichtbar zu machen.
Ähnlich wie Babenko setzen auch Gail D. Whitter und Paul Tiililä an der äußeren Erscheinung von Reichen bzw. Armen an, um die Unterschiede deutlich werden zu lassen: Der Reiche kann sich Farbe (= Emotionen, Lebensfreude) leisten, der Arme nicht. Tiililä stellt sich den Reichen als vornehm gekleidet, als Mann über 50, der wohlgenährt in seiner Wohnung vor einer Wand mit in Leder gebundenen Folianten sitzt. In die gleiche Richtung weisen auch die Arbeiten von Erich Sündermann: Der Besitzende versteht sich als König, fährt in einem großen Auto durch die Gegend, hat ein Haus so groß wie ein Schloss, um das – so könnte man mit einer Arbeit von Miguel Jimenez sagen- er mit Sicherheit Zäune mit Stacheldrahtbekrönung ziehen muss. Heike Sackmann reduziert den Unterschied auf die Esskultur: Der Reiche hat ein umfangreiches Gedecks zum Essen, während dem Armen nur einen Löffel und einen einfachen Teller bleibt.
Der Arme ist – so Tiililä - zudem ein Mensch der Masse. Er hat kein Gesicht und manchmal nicht einmal ein Zuhause, lebt mit seinem Hund auf der Straße. Hat er Arbeit, muss er schwer arbeiten und doch zu Fuß gehen (Les Arts à Tantimont), während sich der Wohlhabende ein Pferd leisten kann. Diese Arbeit präsentiert den Armen und den Reichen wie aus einer fernen Zeit, als sei der Gegensatz inzwischen längst überwunden. Sofort fallen dabei Märchen wie das von Hänsel und Gretel oder die Geschichte von Robin Hood ein, der im Englischen interessanterweise den Beinamen „The Prince of Pauper“ trägt und damit sprachlich andeutet, dass sein räuberisches Handeln letztlich nur das Ziel verfolgt, soziale Gerechtigkeit walten zu lassen und den Unterschied zwischen arm und reich aufzulösen. Hood stammt der Legende nach bekanntlich aus der Schicht der Adligen, der sich aus mehreren, auch persönlichen Gründen auf die Seite der Armen stellt, um seine ausbeuterischen und moralisch herunter gekommenen Standesgenossen mit Unterstützung der Masse der Armen zu bekämpfen. Eine, bei genauer Betrachtung, zweischneidige Vorgehensweise, die jedoch erstaunlich oft in der Geschichte realisiert wurde: Ein, mit dem Wissen der herrschenden Schicht ausgestatteter, charismatischer Anführer macht sich die Not der Massen zunutze, um unter Versprechen, diesen zu mehr Wohlstand zu verhelfen, seine eigenen alten Rechnungen zu begleichen. Gelingt dies, wird er von den Aufsteigern sogar zum Ideal eines guten, sozialen Herrschers erhoben, und nur so erklärt sich, warum der Mythos eines Robin Hood oder Zorro bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat.
In der Geschichte gab und gibt aber auch andere Möglichkeiten als den Kampf bzw. die Anwendung militärtaktischen und strategischen Wissens von Personen, die aus der Führungsschicht zu den Armen übergelaufen sind, um gegen die Ungleichheit in der Verteilung des Besitzes und damit in den eigenen Lebensmöglichkeiten vorzugehen, zum Beispiel den Widerstand mit einfachsten Mitteln. R. F. Coté stellt in seiner Arbeit einen auf den ersten Blick Machtlosen nur mit einer Schleuder einem Panzer entgegen und ruft dadurch Bilder vom Aufstand am 17. Juni 1953 in der DDR, vom Aufstand in Ungarn 1956 und von der Niederschlagung des so genannten Prager Frühlings im August 1968 in Erinnerung. Hier ging es zwar mehr um politische Ziele wie Freiheit und Demokratie, aber auch in „Hungerrevolten“, die es zu allen Zeiten in der Menschheitsgeschichte als lokale Phänomene gab (und die meist schnell zerschlagen und nicht im Maße ihrer Häufigkeit geschichtlich dokumentiert wurden), wurden die Werkzeuge von Handwerkern und die Arbeitsgeräte von Bauern als behelfsmäßige Kampfmittel meist erfolglos gegen überlegene Waffen der Herrschaftstruppen eingesetzt. Am Schluss war die Zahl der Toten auf der Seite der Armen immer weit größer als auf der Seite der so genannten Ordnungskräfte.
Jaromir Svozilik und Elke Grundmann (in einer ihrer Arbeiten) lassen den Armen deshalb logischerweise nur einen anonymen Tod. Der Reiche, so Grundmanns Auffassung, kann sich dagegen eine repräsentativ hochwertige Beisetzung und zu Lebzeiten ein ruhiges Gewissen und für die Zeit danach vielleicht die jenseitige Seligkeit (Svozilik) leisten. Ähnlich sieht es auch Anne Wilson, die auf die Unterschiede in der Form der Gräber hinweist. Der Reiche wird über den Tod hinaus verehrt, der Arme unter einem schon angebrochenen Holzkreuz verscharrt und die Welt ist bereits mit anderen Dingen (das zeigt die Zeitung im Hintergrund) beschäftigt, nimmt keine Notiz davon und das Gras beginnt bereits über die vergangene Existenz zu wachsen.
Stephanie Hendrickx bezieht sich ebenfalls stark auf den Tod als Folge von schlechten Lebensbedingungen für Arme. Wie Anna Boschi ist sie für die Zeit vor dem Tod der Ansicht, dass nur die Reichen Liebe erleben dürfen, während für die Menschen auf der mittellosen Seite des Lebens nur Schmerz und als Ausflucht in Drogen bleiben (Boschi). Hendrickx weist zudem darauf hin, dass der Gegensatz durch Vorurteile aufrechterhalten wird, die wie ein Grenzzaun oder eine Mauer wirken: Der Reiche ist gut, nett und liebenswert, der Arme dagegen schlecht und gewalttätig. Sie fordert den Betrachter auf, diese stereotypen Ansichten zu hinterfragen. Sylke Göbel gesteht in ähnlicher Weise wie Boschi den Reichen mehr oder sogar ausschließlich die Liebe/Anerkennung (Küsse) zu, während die Armen jeden auch noch so alten Pfennig sammeln und zum Überleben verbrauchen müssen. Die Arbeit von Lothar Trott geht hier sogar noch einen Schritt weiter: Bei ihm sind es auf Seiten der Reichen nur noch um käuflichen Sex (Luxusnutten, wie es zahlreiche Skandale aus den Führungsschichten in den letzten Jahren in erschreckend Vorurteile bestätigender Weise bewiesen haben), während den Armen nur die Reste (Recycling) bleiben.
Auch Roland Halbritter präsentiert das Verhältnis zwischen arm und reich als etwas auf die Körper Bezogenes. Der Reiche hält eine Waffe oder einen Geldschein in der Hand, der Arme verliert die Spitzen seiner Finger oder wird zu einem entindividualisierten Objekt, das dem Reichen, der den Abstand zwischen seinem eigenen sozialen Raum und den Elendsvierteln der Armen gewahrt sehen will, als Ziel für seine tödlichen Projektile dient. Aber in seiner Arbeit hat auch der Reiche kein Gesicht. Reich und arm, könnte man - diesen Gedanken weiterführend – sagen, sind immer zwei unpersönliche Positionen, die zu einem der eigenen sozialen Lage entsprechenden Verhalten in diesem überpersönlichen Herrschaftsverhältnis zwingen. Es interessiert den Reichen deshalb wenig, wen seine Kugel oder die Waffen seiner Polizei oder des von ihm über Abgaben maßgeblich mitfinanzierten Militärs trifft, und weil das so ist, interessiert es bei Aufständen (wie zum Beispiel während der Französischen oder der Russischen Revolution) die Armen ebenfalls nicht, wenn mit den entmachteten Herrschern gleich auch deren minderjährigen Töchter und Söhne umgebracht werden. Revolutionen, das hat die Geschichte gezeigt, sind Zeiten der Zerstörung und des Todes, in denen der Einzelne wenig zählt. Viele, die auf bessere Verhältnisse hofften, wurden von der einmal in Gang gesetzten großen Pflugschar des Todes einfach untergepflügt.
Einige der beteiligten Künstler nutzen auch die Möglichkeit, die Unterschiede mit Hilfe von Symbolen sichtbar zu machen. Bei DeDe Wolter steht einem großbürgerlichen Haus mit Staffelgiebel und repräsentativer Fassade ein (Obdachlosen- oder Flüchtlings-) Zelt gegenüber. Andrea Neumann stellt der Urlauberin, die an einem Palmenstrand in einer Hängematte eingeschlafen ist und ihren Urlaubsroman hat in den Sand sinken lassen, eine verloren wirkende Gruppe von Armen gegenüber, die vielleicht nicht weit von diesen Urlaubsparadiesen entfernt an einem Strand in Tsunamigefahren ausgesetzten Notunterkünften leben müssen. Heike Sackmann hat ihrer zweiten Arbeit das Muster einer Spielkarte zugrunde gelegt, um einem Reichen, der so viel hat, dass er über Geld nicht spricht, einen 1-Euro-Jobber gegenüber zu stellen, der in geflickter Kleidung, mit Zahnlücken und schon ziemlich kahlen Kopf dennoch ein königliches Lachen zu imitieren versucht. Bei ihm wird es aber zu einer von Galgenhumor gezeichneten Fratze. Eberhard Janke erinnert in einer Arbeit an die Unterschiede zu Zeiten der Apartheid in Südafrika. Über den Verkauf von Krügerrand-Münzen kam viel Geld ins Land, das aber beinahe ausschließlich den Weißen zufloss, während die Schwarzen in erbärmlichen Kellerlöchern hausen und von vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen waren. Christian Alle sieht in den Reichen gefährliche Drachen, die die Lebensschiffe der Armen bedrohen und ihnen mit ihrer machtvollen räumlichen Präsenz sogar alle Fluchtmöglichkeiten abzuschneiden scheinen. Henk van Ooyen hat die ökonomische Krise der USA offensichtlich bereits an dem in den letzten Jahren fallenden Kurs des Dollars im Verhältnis zum Euro vorausgeahnt. Irritierend in diesem Zusammenhang die Ansicht von Josh Ronsen, der die Armen (und nicht wie sonst in der Presse üblich die Hedgefonds) als Heuschrecken darstellt und den Reichen nur noch einen sehr engen Schutzzaun aus Geld zugesteht. Schoko Casana Rosso (Christian Mildbrandt) führt in einer Arbeit sogar das Modell einer ganzen Gesellschaft an, von den Armen, denen nach seiner Ansicht nur die Hoffnung bleibt: „Im Tode sind wir alle gleich“. An anderer Stelle spricht er den Wunsch vieler aus, dass von denen, die hoch hinauf geklettert sind, viele auch wieder herabstürzen werden. Riccardo Pezzoli nimmt eine solche Konfrontation schon einmal in einer persönlichen Begegnung von zwei männlichen Vertretern beider Seiten vorweg. Sie schauen sich grimmig an, haben aber noch nicht die Fäuste erhoben. Sein als Grenzlinie gesetzter Satz „Nichts ist tödlicher, als wenn sich der Arme und der Reiche grüßen!“ klingt wie ein italienisches Sprichwort, das behauptet, nur wenn Reiche und Arme unter sich bleiben, bleibe der soziale Frieden erhalten. Madrange will es in einer weiteren Arbeit nicht so weit kommen lassen. Er bietet die Flucht in den Reichtum (für alle) als allgemeinen Fluchtweg an. Wie man seiner Zeichnung (eine Spirale) ansieht, wird der Weg dorthin allerdings lange dauern und die Fähigkeit, sich nicht von der langsamen Annäherung in Kreisbewegungen irre machen zu lassen, verlangen.
Einige Arbeiten (Frips, Piet Franzen, Katrin Magens, Jörg Seifert, Schoko Casana Rosso) zeigen, dass Reich und Arm auch in anderer Hinsicht untrennbar zusammenhängen: Wie von Frips angedeutet in einem beinahe undurchschaubaren, abstrakten Geflecht von Linien, die für Wege des sozialen Auf- oder Abstiegs stehen könnten, aber auch für soziale Transferleistungen in Form von Sozialhilfe oder ähnlichem (um eine Radikalisierung von Massen und Aufstände verhindern). Katrin Magens sieht den Zusammenhang darin, dass sich heute auch die Ärmeren den Luxus von Pralinen leisten können, es ist aber auch nicht zu übersehen, dass das von ihr dazu benutzte Muster auf der Seite der Armen größere Löcher aufweist. Ihre Arbeit ist zudem ein Hinweis darauf, dass in Konsumgesellschaften auf Seiten der Produzenten (Reichen) immer auch Massen für den Absatz von Massengütern gebraucht werden und dass der Reichtum der Besitzenden eng an die Kaufkraft der Ärmeren gebunden ist. Piet Franzen wählt dafür ein Gummiband, als Zeichen der gegenseitigen Abhängigkeiten vor allem im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Gesellschaft eines Landes (Höhe des Bruttosozialproduktes, Steuereinnahmen, Sozialhilfeausgaben).
Auch die Mail-Art-Karte von Valery Schimanovsky, die die Ikonen der alten Sowjetunion den neuen coolen Erscheinungen einer russischen High-Society gegenüberstellt, verklammert untrennbar beide Seiten. Barend van der Gracht weist mit seiner innerlich zerrissenen Paris Hilton zudem darauf hin, dass der Riss sogar mitten durch eine Person gehen kann. Ihr auf dem T-Shirt aufgedrucktes Herz auf der linken Körperseite ist dem Bereich der Armut zugeordnet, das „I“, ihr Ego, befindet sich auf der Seite ihres ererbten Vermögens. Dass man zwar Geld vermehren kann, aber nicht die eigene Lebenszeit, darauf weist Janus in einer seiner Arbeiten hin. Er nimmt damit eine alte Traditionslinie der Einstellung zu Reichtum und Armut auf, die in Sprichwörtern wie „Reichtum kann den Tod nicht bannen“ ihren Ausdruck fand.
Eine besondere Ansicht vertritt Bruno Capatti, wenn er die Ansicht ist, man habe als Mensch die Wahl zwischen arm und reich (so auch Monica A. Gonzalez, bei ihr dargestellt in Form einer Roulettetischscheibe oder Verlosungsdrehscheibe). Das ist eine optimistische Vorstellung, vielleicht auch mehr ein Wunsch. Ettore Tomas wiederum löst den Gegensatz dadurch auf, dass er nicht wie Barend van der Gracht eine Paris Hilton, sondern einen ganz normalen Menschen in den Mittelpunkt seiner Kartenfläche stellt und dadurch deutlich macht, dass in gewisser Hinsicht jeder Mensch arm und reich zugleich ist. (In dieser Weise ließe sich auch die Arbeit von Pascal Lenoir interpretieren.) Piet Franzen ist da anderer Ansicht: Er glaubt nicht an solche Wahlmöglichkeiten. Er sagt dazu: Nein.
Bei Bruno Sourdin wird das Thema „arm-reich“ insgesamt zu einem Teufelskreis ohne Entkommen, das bei allen Versuchen, es sprachlich zu fassen (man könnte in seinem Sinne sogar sagen: es in den Griff zu kriegen) immer wieder und zwar bei jedem Menschen nur Angst auslöst, Angst, nicht aus den Schulden herauszukommen, Angst, sein Vermögen zu verlieren, Angst, von einem Niveau bescheidenen Wohlstands wieder in Armut abzurutschen.
Miguel Jimenez schließlich präsentiert aus dem Blickwinkel eines männlichen Augengourmets den Unterschiedes zwischen Reich und Arm als einen zwischen teilrasiertem weiblichen Schamhügel und natürlichem Haarwachstum, erinnert damit auch an den alten Unterschied zwischen intensiver Körperpflege besonders bei den weiblichen Angehörigen der Oberschichten und Vernachlässigung der eigenen Erscheinung bei armen Menschen.
Interessant auch die Arbeiten der Künstler, die sich auf die Suche nach den Gründen des Spannungsverhältnisses von Armut und Reichtum gemacht haben: José Roberto Secchi zeigt in einer seiner beiden Arbeiten, dass die Armen nur deshalb arm sind, weil die Reichen viel Raum für sich und großen finanziellen wie materiellen Appetit haben: Bei Secchi versucht ein rotes hungriges Ungeheuer einem gut gelaunten blauen Wesen, das sehr deutlich seine Abwehrwaffen zeigt, ein wenig von seiner Substanz zu stehlen. Es ist vorherzusehen, dass das Rote damit scheitern wird. In seiner zweiten Arbeit veranschaulicht Secchi, wie der Unterschied von arm und reich entsteht: Auf der einen, der armen Seite, wollen bzw. benötigen viele etwas (vor allem Nahrung, Kleidung, dann Wohnraum, Arbeit, Geld), das voraussehbar nicht für alle reichen wird. Ein Zustand der Spannung, eine Atmosphäre des Neids und der Existenzangst entsteht. Und dann wird sich vielleicht sogar Hass und Verachtung für die, die im Überfluss leben, entwickeln. Denn es ist Zeit raubend und entindividualisierend, in langen Schlangen für Nahrungsmittel anzustehen (Michael Leigh, A1 Waste Paper). Kinderreichtum, darauf weist Balu d’Art auf seiner Mail-Art-Karte hin, hat oft materielle Armut zur Folge. Das Sprichwort von den Kindern, die den Eltern die Haare vom Kopf fressen, kommt mir in den Sinn. Und wenn – wie bei Test Tower – die Reichen ihr Geld dazu nutzen, in arme Länder zu reisen, um sich dort die Not der Armen anzusehen und diese auch noch zu filmen oder zu fotografieren, ist sicher mehr als eine Grenzlinie menschlichen Anstands überschritten. Journalisten haben immer wieder darauf hingewiesen, dass aber nicht über das Elend zu berichten, ebenfalls falsch wäre. Wegschauen ist der erste Schritt zur Befreiung des Gewissens von der Bedrückung durch Schuld und Verantwortung. Der Umgang mit der Armut ist also nicht einfach. Voyeurismus, Erhabenheitsgefühle, Machtdemonstrationen liegen dicht neben Empathie, Hilfsbereitschaft und Scham. Seit Jahren suchen Entwicklungshilfeorganisationen nach dem richtigen Weg der Unterstützung. In jüngster Zeit wird die Hilfe zur Selbsthilfe favorisiert. Wenn ich aber dann in der Zeitung lese, dass der Export von Hühnerfleischresten – denn in Europa werden überwiegend nur noch „chicken wings“, Hühnerbrust und Beine verkauft und gegessen - in Westafrika die örtliche Hühnerzucht hat zusammenbrechen lassen, dann bleibt doch die Frage, ob nicht die Marktmechanismen zerstörerischer wirken als jeder „Heilungsversuch“ durch Regierungsfördermittel. Auf diesen globalen Zusammenhang weist auch Lola mit ihrer Arbeit hin. Sie versucht den Armen einen qualitativen Reichtum zuzusprechen, der in größerer Lebensintensität, besserem Geschmack, größerer Sanftheit und besserer Körperlichkeit liegt. Es sieht so aus, dass der „Kartonmensch“, von dem nur die Beine sichtbar sind, dennoch einen wütenden Tritt in Richtung reiche Länder austeilt.
Noch weiter gehen Claudio Maidana/Gladys de Olivero und Franco Focardi: Für sie ist klar, dass der Reichtum der Vermögenden auf der Aussaugung der Armen beruht. Dieser Ansicht schließt sich auch Angela Behrendt an, die den Armen nur Schulden zugesteht. Hier ist kein Ausweg mehr sichtbar, die Armen können keine Gnade und keine Hilfe erwarten, wenn sie aus ihrer Not herauskommen wollen. Jacky Charmouan setzt sogar den Teufel ein, dem allein er die notwendigen radikalen Mittel zutraut, um den sozialen Augiasstall – hier Frankreichs - auszumisten. Der Teufel braucht sich im Gegensatz zu Herakles, der einzig seine Intelligenz einsetzte (und einen Fluss umleitete anstatt selbst die Drecksarbeit zu machen), nicht mehr an moralische Vorgaben der Gesellschaft zu halten. Für ihn „heiligt“ bekanntlich der Zweck alle Mittel, aber es darf doch bezweifelt werden, dass bei einer solch letzten Wahl der Waffen im Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit für die Armen mehr als ein kurzes Leben im Luxus mit nachfolgender unendlicher Langeweile und aufgrund ihres Paktes mit dem Chef der Hölle schreckliche Angst vor dem Tod herauskommt.
Autoren der Romantik haben sich mit den Folgen solcher Paktierungen mit dem Satan beschäftigt: Adelbert von Chamisso hat solche Arten von Mesalliancen in „Peter Schlehmihls wundersamer Geschichte“ ebenso beschrieben wie Wilhelm Hauff in seinem „Kalten Herz“. Den Protagonisten beider Stories geht es um das schnelle Geld, um ein Leben ohne harte Arbeit. Und sie übersehen in ihrer Begierde, dass sie dafür auch bezahlen müssen, der eine mit dem Verlust seines Schattens, der andere mit dem Verlust eines liebesfähigen Herzens (siehe dazu auch die Arbeit von Wolfgang Skodd mit den beiden Herzen). Erst später begreifen sie, dass Reichtum kein Glück einbringt und wollen den Handel rückgängig machen, was sich alles andere als leicht erweist. Auch die Geschichte vom Fischer und seiner Frau greift dieses Thema auf. Hier wurde einem armen Fischer-Paar von einem in einen Butt verzauberten Prinzen die Verwirklichung von drei Wünschen ermöglicht. Und wie es eben so ist, wenn das Glück allzu unvorbereitet an der Angel zieht (eine Eigenschaft, die Glück grundsätzlich zu haben scheint, weil ihm immer auch wie ein Schatten das Unglück folgt), man – genauer die Frau - ist nicht mit dem Erreichten zufrieden, wünscht sich immer mehr, am Schluss das Falsche und kommt so wieder dort an, wo sie schon am Anfang war. Sie kann sogar von Glück sagen, dass es nicht eine Stufe darunter ist.
Bei einer solchen imaginären Reise durch die Welt der Märchen und Geschichten darf man jedoch nicht übersehen, dass diese Art literarischer Nullsummenspiele (mit der Moral: Wünsche nach sozialem Aufstieg mit normalen wie mit „unheimlichen“ Mitteln führen zu nichts) eben ganz im Sinne der damaligen Herrscher war. Den Aufstieg einer Schicht (etwa des städtischen Bürgertums) haben sie erst dann anerkannt, als sie ihn weder mit militärischen Mitteln noch mit hohen Steuerforderungen verhindern konnten.
Auf dieses Spannungsverhältnis von Volk und Staatsführung macht Jacky Charmouan ebenfalls aufmerksam, wenn er „Marianne“ (= das französische Volk), hier in der symbolisierten Form der Briefmarke, Sarkozy bewundern lässt (der sich zu Beginn seiner Amtszeit gerne auf den Landsitzen und Luxusjachten von Reichen aufhielt). Beachtenswert in diesem Zusammenhang, dass es auf dem fiktiven Metro-Plan im Hintergrund über dem Obdachlosen die erfundene Station „Bonheur“ (Glück) gibt. Charmouan scheint also noch Hoffnung zu haben, dass sich am Elend der Ärmsten etwas ändern wird. Auch Eberhard Janke setzt in einer Arbeit auf die Hoffnung (hope), dass Geld Früchte trägt und es auch für die Armen eine Zinsernte gibt.
In diesem Zusammenhang auch interessant eine Druckgrafik von ihm mit zwei Gehirnen von unterschiedlicher Dichte und Gewicht. Man kann sich nun überlegen, ob das geringere Gewicht des Kopfinhaltes des Armen für diesen möglicherweise keinen Nachteil darstellt, wenn sich die größere Hirnmasse im Kopf des Reichen aufgrund beständiger, schwerwiegende Sorgen um seine Geldanlagen entwickelt hat. Der Wahrheit näher kommen dürfte man jedoch mit der Vermutung, dass – wie schon seit vielen Jahren Sozialstatistiken belegen – die schlechtere Ernährung bei Ärmeren auch einen schlechteren Gesundheitszustand zur Folge hat, mit der wenig erfreulichen Aussicht dadurch bedingter geringerer Lebenserwartung. Auch Obdachlosigkeit, auf die Miguel Jimenez in zwei aufeinander bezogenen Arbeiten hinweist, schädigt die Gesundheit und verkürzt das Leben. Solche unangenehmen Wahrheiten widersprechen allen schön formulierten Gleichheitsversprechungen in Verfassungen und Menschenrechtserklärungen. Wolfgang Skodd hat dies im Bild von der unterschiedlichen Reismenge treffend zusammengefasst.
Andererseits, so könnte man mit Clemente Padin sagen, kann Armut auch die Folge einer nichtkapitalistischen Lebenseinstellung sein, wenn Menschen versuchen, sich in ihrem Handeln an Liebe, ethischen Normen und einer persönlichen Vorstellung von Gerechtigkeit statt an Geld und Profit zu orientieren. Dass dies jedoch nicht automatisch zu Glück, sondern oft zu einem verstärkten Leiden an den herrschenden politischen Verhältnissen führen kann, zeigt seine Arbeit deutlich.
Sarah Lilian Burwash macht noch auf einen anderen Aspekt aufmerksam: Sie ist sich sicher, dass es nur unter Armen Solidarität und Unterstützung geben kann(zwei Menschen stoßen mit ihren Kaffeetassen an), da auf sich auf der Seite des Reichtums keine Menschen mehr befinden, sondern nur noch Geldscheine, reines Kapital.
Auf die Rolle der Medien weisen Kat van Trellebol, Snappy und Barend van der Gracht in einer seiner Arbeiten hin. Snappy stellt Bilder vom Luxusleben der Reichen Bildern der Armut entgegen (so auch Rora und Dobrica Kamperelic). Für van der Gracht ist klar, dass das Problem von Kindern in Slums nicht nur bildmächtiger, sondern in Zukunft auch wichtiger und bedeutender werden könnte als ein bisher vor allem zu großen Sprüchen und demonstrativen Gesten fähiger neuer französischer Präsident. Damit zeigt er in interessanterweise auf, wie über die von den Medien häufig vorgenommene Gegeneinanderstellung von Bildern der Armut (Nackte Kinder mit aufgeblähten Bäuchen, Mütter mir zerfetzter Kleidung, Kranke auf schmutzigen Böden, Flüchtlingslagerelend – zu sehen auch auf einer Arbeit von Janus) gegen die der Reichen (die Stars mit ihren Pools und darum herum stehenden Liegen, der gebräunten Haut, den schönen Kleidern, den Häusern auf allen Kontinenten) Künstler mediale Bilder durch Bearbeitung andere Bedeutungen verleihen und sie somit zu einem Mittel der künstlerischen Reflexion und Anklage machen können. DEB zeigt in einer seiner beiden Arbeiten, dass den Reichen auch der Applaus gehört. Sie bilden einen exklusiven Kreis von Leuten, die lieber unter sich sein wollen, in Ballsälen, teuren Hotels, Opernhäusern. in seiner zweiten Arbeit wählt er deshalb eine gute Wohnlage und den Sitzplan eines Theaters für die Seite der Reichen, weist aber mit dem Bildzitat des doppelten Schriftstellers und ersten Nobelpreisträgers für Literatur Sully Prudhomme auf dessen Versuch hin, in seinen Gedichten die Welt der Arbeit und die Welt der Künste und der Schönheit der Welt in Einklang zu bringen. DEB zeigt ihn in seiner materiellen Existenz als Armen und als in seiner geistigen Existenz mit seiner Absicht, die Gegensätze zwischen beiden Seiten auszugleichen.
Wolfgang Skodd präsentiert auf einem Foto die Titelseite eines Fotoprojektes, mit dem auf Menschen in sozialer Not und Armut aufmerksam gemacht wurde. Er zeigt damit auch, dass in den letzten Jahren viele Künstler Arbeiten geschaffen haben, die soziale Probleme aufgreifen und reflektieren, und dass Künstler oft auch in Gebiete mit vielen Armen und vielen leer stehenden Geschäften gezogen sind, um dort ihre Projekte zu verwirklichen und dadurch diesen Gegenden wieder zu einer sozialen Aufwertung zu verhelfen. Dass dies nicht immer gelingt, vermuten Sigismund Urban und Massimo Medola auf der aus ihrer Zusammenarbeit entstandenen Karte zum Thema. Sie zeigen neben der Ankündigung eines Films über Buschmänner, die mit Pfeil und Boden auf der Jagd nach Nahrung sind, und durch die Form der filmischen Dokumentation diese Lebensweise als exotisch und nicht mehr zeitgemäß vorgeführt wird, eine weitere, die einen frühen Pasolini-Film ankündigt: Darin scheitert der Zuhälter Accatone beim Versuch, sich ein gesetzestreues, „bürgerliches“ Leben aufzubauen und kehrt zu einem kriminellen Leben zurück, das er schließlich in einer Polizeiaktion auch noch verliert. Der auf der Mail-Art-Karte aufgestempelte Hammer, der ein aufgeblähtes Eurosymbol weg zu hauen versucht, kann als Kommentar dazu gelesen werden. Es ist aber auch möglich, diese Arbeit als einen Aufruf zum Kampf gegen bestehende kapitalistische Verhältnisse zu verstehen, die die Lebensweisen von Naturvölkern zerstört, und Menschen, die sich bessern wollen, keine Chance gibt. Denn der Hammer ist neben der Sichel das bekannteste Symbol für kommunistische Parteien.
Einige Künstler haben schließlich das Thema und die von mir versandte Karte dazu benutzt, sich in subjektiver, einige auch in sehr persönlicher, poetischer Weise mit Reichtum und Armut und hier speziell mit der Armut des Künstlers auseinanderzusetzen. Joel Thepault collagiert in einer künstlerisch offenen Weise Warenaufkleber und Konsumanreize bietende Preisreduzierungsversprechen, um dann doch den Reichen einen „point priviligé“, eine Position vieler Vorteile, zuzugestehen, weil nur sie zugleich über genügend Zeit und Geld verfügen, um solche sich bietenden Gelegenheiten sofort zu nutzen.
Piero Barducci präsentiert einen strandähnlichen Platz vor einer Stadt wie eine Bühne. Auf ihr liegt ein nackter Mann mit drei Köpfen, eine Gottheit vielleicht. Im Hintergrund stehen dicht an dicht Häuser wie eine unüberwindbare Mauer. Menschen sind nicht zu sehen. Der Dreiköpfige wirkt erschöpft, und die Erschöpfung scheint ihn schon seit einiger Zeit im Griff zu haben, denn sie hat bereits seinen Körper in eine schwere Erstarrung versetzt, was den Eindruck erweckt, als habe er sich bereits aufgegeben und warte auf seine eigene Transformation in eine spätere Generationen mahnende Skulptur. Man kann nun spekulieren: Hat er mit seiner mehrköpfigen Intelligenz die Menschen der abweisenden Stadt zu mehr Humanität zu bekehren versucht, oder ist hier das klassische Bild des Außenseiters zitiert, der durch seine (körperliche) Andersartigkeit von der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, vertrieben und damit in die Armut getrieben wurde? Wie ein Kommentar dazu erscheint die Arbeit von Tatyana Makarova, die mit abstrakten Mittel zeigt, wie durch Geld Wärme in die Dunkelheit einer armen Existenz kommen kann. Piet Franzen behauptet in einem seiner Werke, dass es nur auf die Frage der eigenen Haltung ankäme, ob man sich arm oder reich fühle – und lässt seinen kleinen Musikanten in großer goldener Sprechblase stolz herausposaunen: I am RICH. (Ähnlich auch die zweite Arbeit von Elke Grundmann.) Das „poor“ auf der anderen Seite der Karte von Piet Franzen ist vorsichtshalber zum Verschwinden gebracht worden. An seiner Stelle befindet sich jetzt ein Loch mit einem erhabenen Rand, das aussieht wie die Einfassung eines Brunnens, in Märchen oft benutzt als Symbol des Zugangs zu einer anderen, unsichtbaren Welt. Besser man geht nicht an die Stelle und bleibt als Künstler auf der eigenen grünen Wiese, scheint seine Botschaft zu sein. Birger Jesch springt in diesen Brunnen und zeigt den Künstler in seiner Welt als märchenhaftes Wesen mit einer Zipfelmütze im goldenen Gegenlicht des Kapitals. Auf seiner zweiten Karte ist ein verwirrt blickender Mann in einem Supermarkt unterwegs. Titel der Arbeit: Freunde in Versuchung. So einfach scheint es also mit dem konsumfreien Glück nur im eigenen künstlerischen Raum dann doch nicht zu sein. In Schoko Casana Rossos zweiteiligem Linolschnitt sind bei längerer Betrachtung immer mehr Figuren zu entdecken, die in den Strudeln des Lebensmeeres zwischen den Ufern arm und reich zu schwimmen und damit zu überleben versuchen, und mit der Bildunterschrift „Au revoir“ könnte gemeint sein, das jeder für sich und für die, die er mag, hofft, dass sie nicht untergehen und er sie wieder sehen wird. Roberto Formigoni hat der von mir versandten Karte einen zusätzlichen Rand verpasst und sie in der Mitte gelocht und mit einer Klammer drehbar gemacht. Auf dem Rand teilt er seine Erfahrungen mit und erklärt, dass es aus seiner Sicht mit dem Arm- und Reich-Sein eine komplizierte Sache ist, weil er sich mal arm und mal reich fühle, also nicht so einfach entscheiden könne, wo er sich in diesem Spannungsverhältnis als Künstler wirklich verorten könne oder wolle. Dem Reichtum der Ideen, der Vielzahl der eigenen Werke, der relativen Freiheit in der Zeiteinteilung stehe oft eine herbe, soziale Mangelsituation gegenüber. Seltsam in diesem Zusammenhang die Arbeit von Bruno Chiarlione, der Andy Warhol als „armen Künstler“ präsentiert, was zumindest bei mir Erstaunen auslöst, und ihm einen Politiker gegenüberstellt, den er für „reich“ hält. Worauf sich in diesem Fall „arm“ und „reich“ beziehen, bleibt mir ein Rätsel. Remy Pénard stellt die Verhältnisse eher so dar, wie sie sind, indem er dem Künstler nur den Pinsel zugesteht, während der Reiche später das Bild rahmen lassen wird und es dadurch zur Ware macht.
Manche Künstler sahen sich aus Gründen eigener Armut sogar dazu gezwungen, bereits fertige Bilder, die sich nicht hatten verkaufen lassen, für einen gesicherten neuen Auftrag zu übermalen. Andere wie Piet Mondrian haben kompromisslos, auch sich selbst gegenüber, auch noch hungernd und frierend an ihren Bildern weiter gemalt. Viel ist diskutiert worden, ob solche Mangelsituationen für die künstlerische Arbeit förderlich sind oder nicht. Eine einfache Antwort kann es darauf nicht geben. Sicher ist aber, dass ein Leben in anhaltender Not letztlich zu Krankheit und damit zu Arbeitsunfähigkeit führt, während gut bezahlte Maler an Höfen (Holbein, Velasquez) nicht schon deshalb schlechte Kunst geschaffen haben, nur weil ihnen ihre Auftraggeber die Bildinhalte vorschrieben.
Wahr ist aber auch, dass künstlerisches Arbeiten zeitweise Geldmangel vergessen lassen kann. Das spricht aber keine Gesellschaft davon frei, Künstler ganz ohne Unterstützung nur dem Kunstmarkt auszusetzen und damit zu verlangen, er solle eben solche Bilder produzieren, die sich schnell verkaufen lassen. Die vielen auf leichten Konsum und Raumausstattung ausgerichteten Gemälde haben meines Erachtens die Entwicklung dieser Richtung der Kunst (Tafelmalerei) eher geschadet als genützt. Dagegen hat in den letzten Jahrzehnten unter anderem Mail-Art bewiesen, dass sich Künstler einer kommerziellen, marktbezogenen visuellen Meinungsäußerung freimachen können und es ihnen dadurch möglich ist, eigenständige politische Positionen zu beziehen, ohne damit gleich in den Bereich des manipulierenden Einsatzes von Bildern zum Zwecke von Parteipolitik, Propaganda (so genannte Polit- – oder Agitationskunst) abzudriften. Dies gilt auch für die Mehrheit der hier gezeigten Arbeiten, die – in Reaktion auf meine Themenstellung und Einladung zu diesem Projekt- zu einer Kommentierung eines der großen Probleme der Gegenwart geworden sind. Beim Überblick über alle Arbeiten wird zudem deutlich, dass beim Thema „arm-reich“ neben traditionellen bzw. durch Medien verbreiteten Denkmustern, visuelle Mittel auch dazu genutzt wurden, sich in nüchterner oder kritischer Form analytisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. Einige wenige haben sogar nach Vorteilen auf der Seite der Armut gesucht haben oder in ihren Arbeiten den Wunsch formuliert, dass für dieses Problem der großen sozialen Ungleichheit (und damit auch Ungerechtigkeit in der Chancenverteilung) doch noch eine Lösung gefunden wird. Diesem Wunsch kann ich mich nur anschließen und verstehe dieses Mail-Art-Projekt als Einladung an alle Leser, sich ausführlicher und intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen. Es dürfte dann schnell klar werden, dass eine Renaissance von der geschichtlichen Entwicklung überholter Konzepte wie Sozialismus, Kommunismus, „Dritter Weg“, unkontrollierter Kapitalismus und globale soziale Marktwirtschaft wenig sinnvoll ist und es in Zukunft eher darauf ankommt, pragmatische Lösungen zu finden, wie etwa der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus mit seiner Bank für Kleinstkredite und seiner Ansicht, es sollte auch Unternehmen geben, die Geld nicht zur Selbstbereicherung nutzen, sondern um die Welt zu verändern.
Bernhard Zilling