Arm und reich – Was verursacht den Unterschied?
Die Tatsache, dass alle menschlichen Gruppen in Anführer und Gefolgsleuten unterteilt sind – und sich damit Herrschaftsverhältnisse bilden, ist sicher einer der Hauptgründe für das Entstehen von Besitz/Vermögen und einem Leben an der Grenze des Mangels bei anderen. Für die Zeit vor der Sesshaftwerdung lassen sich diese Unterschiede nicht nachweisen, aber auf der Erde haben sich über die Jahrtausende auch Stammesgesellschaften erhalten, die in ähnlicher Weise wie die Jäger und Sammler zu Beginn der Menschheit leben (etwa im Amazonasgebiet und Papua-Neuginea). In solchen Stammessiedlungen gibt es klare Abstufungen zwischen der Gruppe der Männer, die auf die Jagd gehen, den Frauen, den Kindern und den Alten und Kranken. Zwar wird darauf geachtet, dass alle etwas von der Beute abbekommen, damit im Sozialverband keine unnötigen Konflikte ausbrechen, aber im Falle von allgemeinem Mangel ist deren Überleben vorrangig wichtig und bestimmt auch die Verteilung des Vorhandenen. Der Vorteil nichtsesshafter Gruppierungen ist es, dass sie im Falle allgemeiner Verschlechterung ihres Nahrungsangebotes zum Beispiel durch veränderte Wanderwege der von ihnen gejagten Tiere dem Nahrungsangebot folgen können. In Gegenden, in denen der Boden und die Wetter keine guten Voraussetzungen für den Anbau von Getreide boten oder die Ernährungstradition mehr auf den Verzehr von Fleisch ausgerichtet war, Gemeinschaften waren jedoch weit stärker von der Beschaffenheit des Bodens, dem längerfristigen Klima und der Verteilung der Regenmengen im Jahr abhängig. Mit der Bronze- und Eisenzeit wurden zudem die Lagerstätten von Erzen wichtig. Mit dem Handel entstand nun auch die Konkurrenz der verschiedenen Stämme untereinander, Neid und der Wunsch, sich auf einfachem Weg durch Überfalle, von materiell besser gestellten Gruppierungen zu rauben, traten auf. Die einzelnen Gemeinschaften mussten sich mit Erdwällen, Palisaden, Gräben oder Steinmauern gegen solche Raubzüge zu sichern versuchen. Die erwachsenen Männer jeder dieser Siedlung mussten also auch kriegstüchtig sein. Über einen längeren Zeitraum entwickelte sich so weiter Spezialisten für die Verteidigungsarbeit und Wache. Sie mussten von den Bauern mit versorgt werden. Wie auch die Anführer, die zudem begannen, einen Sonderbereich abzutrennen, in dem sie hinter noch höheren Mauern und damit zusätzlichem Schutz lebten. . Ob diese Abgrenzung des Herrschers und der Priester aus Misstrauen den Beherrschten gegenüber geschah, lässt sich nach meiner Einschätzung nicht eindeutig sagen. Begründet wurde diese Zellteilungen aber damit, den anderen Mitgliedern der Gemeinschaften im Notfall dort ebenfalls besseren Schutz vor Angriffen bieten zu können. Bevorzugt wurde in Berglagen (mit dem Folgeproblem Wasserversorgung), in Sumpfgebieten, auf Landzungen zwischen Flussarmen oder auf Inseln Siedlungen dieser Art angelegt. Die Gemeinschaften waren anfangs mehr von außen als von innen bedroht, umso wichtiger war der Bau von Schutzanlagen, was nur gemeinsam geschehen konnte. Auch die Verteidigung war eine Gemeinschaftsaufgabe.
In Mesopotamien waren die Städte von hohen Stadtmauern mit beachtlich repräsentativen Toren umgeben. Im Leben der Bewohner dieser Stadtstaaten standen die Götter im Mittelpunkt, denen alles gehörte und denen alle zu dienen hatten. Tempel und Paläste der obersten Priester bildeten einen abgesonderten Bereich. In mykenischer Zeit (1600 – 1100 v. Chr.), auf dem Peloponnes dagegen befinden sich die Tempel und Paläste in einer Burganlage, die von massiven Steinmauern gesichert wird, die Bevölkerung lebte außerhalb, konnte aber im Fall von Bedrohungen in einer niedriger gelegenen Vorburg Aufnahme finden. Die Führungsschicht unterschied sich nicht nur durch besser geschützte und größere Wohngebäude, sondern auch durch bessere Kleidung, Schmuckgegenstände, hochwertigere Waffen und einen Sondervorrat an Nahrungsmitteln.
Aber Grundvoraussetzung für diese gesamte Entwicklung war, dass sich Überschüsse erwirtschaften ließen und man Techniken entwickelte, um Nahrungsmittel haltbar zu machen (Einlegen in Öl, Pökeln, Räuchern, Trocknen). Da man sich aber insgesamt stark von den Wetterbedingungen abhängig empfand, genossen Götter, die gute Ernte und Fruchtbarkeit versprachen, hohes Ansehen. Ihnen wurde geopfert. Da Götter bekanntlich ihre Opfergaben nicht verbrauchen, entstand daraus auch ein weiterer Überschuss, aus dem von den Priestern die Ärmsten versorgt werden konnten. Mit dem Hinweis, die Gabe komme direkt von einem fürsorglichen Gott, was wiederum die Bedeutung des vorherrschenden Glaubens innerhalb dieser Siedlungen festigte.
Zu den Gegenständen, die soziale Unterschiede innerhalb von Gemeinschaften sichtbar machten, kamen im Verlauf der Geschichte der Menschheit weitere hinzu: Bevorrechtigter oder mengenmäßig größerer Besitz von überlebensnotwendigen Dingen wie Feuerstein, Salz, Fellen, nach der „Entgötterung“ des Bodens Grundbesitz, besseres Arbeitsgerät, und unterschiedliche Mengen an Geld.
Nach dem Ende einer Zeit des alleinigen göttlichen Besitzes wurden neben den weiter üblichen Opfergaben für Götter zur Finanzierung von Verwaltungen und zur Versorgung dieser landwirtschaftlich unproduktiven Personen von den Herrschern Abgaben erhoben, die meist in Form von Naturalien zu entrichten waren. Diese bildeten in allen Kulturen die Grundlage für die Herrschaften und ermöglichten so eine dauerhafte Festschreibung dieses Unterschiedes. Mit diesen Mitteln (und mit den Schätzen, die man besiegten Völkern entrissen hatte, sowie mit Hilfe der Arbeitskraft versklavter Kriegsgefangener) wurden zum Beispiel im alten Rom das öffentliche Leben und der Bau von großen öffentlichen Gebäuden (Thermen, Arenen) möglich.
Aber in allen urbanen Strukturen mit einer höheren Siedlungsdichte und kürzeren Kommunikationswegen als auf dem Land lauert aus Sicht der Herrscher auch die große Gefahr von Widerstand gegen Anordnungen. Besonders, wenn die Armen bereits an der Existenzgrenze leben und neu erhobene Forderungen ihr Überleben bedrohen, wird das eigene Leben so wenig wert, dass es leicht in Aufständen riskiert werden kann. Man kann deshalb in der Absonderung der Herrschenden auch ein Zeichen von Vorsicht sehen. Es galt klug zu handeln, denn für Raubzüge und für die Verteidigung der Siedlungen wurden alle gesunden erwachsenen Bewohner gebraucht. Aber gleichzeitig mussten Herrscher zusätzlich darauf achten, dass keiner aus der Verwandtschaft oder ein Emporkömmling, der sich durch militärische Erfolge ausgezeichnet hatte, die Führung streitig machte. Als Mittel zur Stabilisierung wurden unter anderem Vererbung von Ämtern innerhalb einer Familie, Privilegienvergabe an treue Gefolgsleute oder die Benennung von Sündenböcken zur Ablenkung von Unmut eingesetzt.
Trotz aller Versuche von Herrschenden, innerhalb der von ihnen kontrollierten und verwalteten Gebiete Veränderungen auszuschließen, gelang es dennoch einzelnen Gruppen, zum Beispiel Händlern, Mitgliedern einer militärischen Führungsschicht und Finanzverwaltern im Dienste des Herrschers sich von den normalen Bewohnern abzugrenzen und sich dauerhaft als Schichten zwischen Herrscher und Volk zu etablieren.
In der europäischen Geschichte ist aber der Aufstieg einer über Generationen reichen (bürgerlichen) Schicht (oder in den Begriffen der damaligen Zeit eines Standes) erst mit der Renaissance gegeben, als im 13./14. Jahrhundert in Italien und in den nördlicheren Ländern im 15./16. Jahrhundert umfangreiche Geschäfte mit dem Orient gemacht wurden. Zudem wurden nach der Eroberung von Peru (Zerstörung des Inkareiches) und der Kolonialisierung von Brasilien durch Portugal riesige Silber- und Goldminen erschlossen. Zwischen 1503 und 1660 gelangten vom Abbau vor allem aus dem Potosi (Bolivien) auf dem Seeweg 185 000 Kg Gold und 16 Millionen Kg Silber nach Spanien (und das sind nur die offiziellen Zahlen ohne die von der spanischen Kolonialverwaltung nicht zu verhindernden illegalen Exporte). Dass bei diesem frühen Silber- und Goldrausch Tausende von Menschen in den Bergwerken umkamen, soll nicht unerwähnt bleiben. Da Karl V. und seine Nachfolger jedoch gegenüber Bankhäusern im eigenen Land, aber auch in Deutschland (Fugger in Augsburg) und in Flamen verschuldet waren, floss diese Ausbeute in diese Gebiete weiter und ermöglichte dort umfangreiche Investitionen. Im 18. Jahrhundert gelang es Portugal sogar, aus dem Ouro Preto in Brasilien eine noch größere Menge Gold ins Land zu holen. Da sich aber die portugiesischen Herrscher weigerten, Maßnahmen zur Industrialisierung im eigenen Land zu erlauben und entsprechende Versuche auch in Brasilien verhinderten, floss dieses Gold überwiegend nach England, als Bezahlung für von dort eingekaufte Industrieprodukte. Allein die von Spanien aus Lateinamerika exportierte Menge an Gold und Silber überstieg die damals in Europa vorhandene um das Dreifache. Was beweist, dass der Aufstieg Europas zum einen großen Teil auf der Ausplünderung von Kolonien beruhte.
Die oberitalienischen Stadtstaaten unterhielten zudem bereits im 15. Jahrhundert auf Zypern, Kreta und anderen Mittelmeerinseln Kolonien, in denen keine Rohstoffe abgebaut, sondern wie später auch in Mittel- und Südamerika in Plantagen Maulbeerbäume (für die Seidenraupen, also für die Seidenproduktion), Indigo (Farbstoff), Wein, Zucker, Oliven angebaut wurden.
Um Vermögen in der eigenen Familie zu halten, wurde nun auch wie im Adel meist nur noch innerhalb des eigenen Standes geheiratet und die Ämter an die am besten geeigneten Söhne vererbt. Andere Möglichkeiten, an Vermögen zu kommen, bestand darin, sich Fürsten anzuschließen, die Eroberungszüge innerhalb Europas unternahmen und wie zum Beispiel Friedrich der Große das österreichische Schlesien ohne vorherige Kriegserklärung besetzen ließ, weil in seinen Stammlanden nicht genügend Bodenschätze vorhanden waren, in Schlesien dagegen wohl. Im 17. Jahrhundert gelang es den Niederlanden zum Beispiel, in Kämpfen mit Spanien und Portugal vor allem zur See wichtige Konkurrenten für den Seehandel zu entmachten und sich selbst und eine nun zu großen Vermögen kommenden Schicht von Händlern zur Vormacht zu verhelfen.
Man kann jedoch eines mit Sicherheit sagen: Reiche bildeten in allen Kulturen immer nur einen überaus kleinen Anteil an der Bevölkerung. Bis ins 19. und in vielen Ländern bis ins 20. Jahrhundert hinein lebte der größte Teil der Menschen auf dem Land und auch in den Städten war der überwiegende Teil der Bevölkerung arm. Dennoch trafen die Reichen die wichtigen Entscheidungen und waren auch die Auftraggeber der beachtlichen Gebäude, die noch heute an sie und ihren Wunsch, ihren Reichtum ihren Zeitgenossen und der Nachwelt sichtbar zu machen, erinnern.
Natürlich gab es von Gesellschaft zu Gesellschaft Unterschiede, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Dies ist lediglich der Versuch, durch die Zeiten die Grundstrukturen dieses existenziellen Unterschiedes zwischen Reichtum und Armut nachzuzeichnen und zu zeigen, dass die Beziehungen zwischen den Angehörigen beider Gruppen vielfältig und nicht auf eine leicht eingängige Formel zu bringen sind.
Ursachen für die Armut oder den Reichtum ganzer Gesellschaften
Bis vor wenigen Jahrzehnten konzentrierte sich die Forschung vor allem auf die Unterschiede in den Herrschaftsstrukturen, um zu erklären, warum in manchen Gesellschaften expansive Tendenzen vorhanden waren und diese versuchten, aufgrund einer von ihnen selbst entwickelten oder von anderen Kulturen übernommenen Techniken andere, nicht auf diesem Entwicklungsniveau befindliche zu unterwerfen. Dass dies durch eine bessere Ausrüstung, durch überlegene Militärstrategie und eine gute Ausbildung meist gelang, steht außer Frage und wird durch viele Feldzüge bewiesen. Man hat dabei früher jedoch nicht bedacht, dass oft auch gute klimatische Bedingungen solche Expansionen unterstützt haben und zu anderen Zeiten gut entwickelte Kulturen aufgrund einer Verschlechterung dieser Verhältnisse zugrunde gingen. So ist inzwischen nachgewiesen worden, dass das Römische Reich seine größte Ausdehnung während des so genannten Römischen Optimums (einer lang anhaltenden Erhöhung der Jahresdurchschnittstemperatur im Vergleich zu den Jahrhunderten davor bzw. danach) hatte. Und die Völkerwanderungszeit (die ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. zum Ende der Römischen Vormachtstellung in Europa führte) deckt sich mit einer klimatisch instabilen Periode. Es hing also nicht nur von den Menschen ab (und auch nicht, wie zu jener Zeit die meisten dachten, von Nichtwohlwollen ihrer Götter), dass sich ärmere Kulturen gegen reichere durchsetzen konnten, wenn erstere besser an die neuen Umweltbedingungen angepasst waren.
Für den Untergang des Mykenischen Reiches, dessen Burgen auf Anhöhen lagen und im Belagerungsfall ausschließlich aus unterirdischen Zisternen, die Quellwasser sammelten, versorgt wurden, wird angenommen, dass sie um 1100 v. Chr. durch eine lang anhaltende Wasserknappheit in dem gesamten Siedlungsgebiet zugrunde gegangen ist. Weder ihre großartigen Goldbearbeitungstechniken noch die mächtigen Steinburgen, die hervorragenden keramischen Techniken und Vasen- bzw. Wandmalerei konnten die Bewohner gegen diesen fundamentalen Angriff auf ihre Lebensgrundlagen schützen. Ähnlich hart traf es um 2150 v. Chr. das Alte Reich in Ägypten, als die jährlichen Nilüberschwemmungen ausblieben und die dort lebenden Menschen von einer schweren Hungersnot betroffen wurden. Das Reich zerfiel in kleinere Einheiten. Auch die insgesamt wohlhabende mesopotamische Zivilisation wurde von einem grundlegenden Wandlungsprozess des Weltklimas (der jedoch bereits vor Entstehen der Menschheit mehrfach auf der Erde stattgefunden und bis dahin fruchtbare Gebiete zu Wüsten hatten werden lassen) betroffen. Aus späterer Zeit gibt es weitere Beispiele: Die Maya (auf den Halbinsel Yucatan im Süden Mexikos siedelnd), die in einer hohen Bevölkerungsdichte und in komplexen Siedlungsstrukturen auf Bergrücken wohnten und durch eine Ernährung vor allem auf der Grundlage von Mais stark von Niederschlägen abhängig waren, mussten nach Jahren mit Trockenheit ihre Siedlungsplätze ausgeben und in tiefer gelegene Gebiete ziehen.
Der Niedergang von Kulturen wird, wie man heute weiß, von zwei selbst zerstörerischen Tendenzen begleitet: Die Untergeordneten stellen die religiösen Normen in Frage und in ihrer Not versuchen sie, durch Aufstände an die Nahrungsreserven der Bessergestellten zu gelangen. Auch für das Ende der Kultur der großen Steinfiguren auf der Osterinsel (um 1000 n. Chr.) wird von einem solchen Erklärungsmodell ausgegangen. Für den Bau der gigantischen Steinfiguren wurde auf der weit von anderem Festland entfernt liegenden Insel der gesamte Waldbestand abgeholzt, was zu größerer Trockenheit und Bodenerosion führte. Nach einem Aufstand und der Vernichtung der bisherigen Elite kam es zu einer Neuorganisation, das heißt zu einer Anpassung an die veränderten Bedingungen auf technisch niedrigerem Niveau und in insgesamt meist ärmeren Lebensumständen und zu einer neuen Mythologie vom Vogelmenschen.
Gesellschaften in allgemein verarmenden Notsituationen: Hungernöte und Seuchen
Wie Thomas Robert Malthus (1766-1834) errechnete, sind alle Kulturen, die durch eine überproportional große Kopfzahl im Vergleich zur Anbaufläche gekennzeichnet sind und schon vor Missernten am Ernährungslimit leben, beim Auftreten von Katastrophen sofort in ihrer Existenz bedroht. Nach seinen Überlegungen und Berechnungen verläuft deshalb das Bevölkerungswachstum immer bis zu diesem Punkt, an dem der Boden eine Bevölkerung nicht mehr ernähren kann, um dann in einer Krise mit Hunger und Krankheiten die Ärmsten am schnellsten (aber nicht ausschließlich) dahinzuraffen, bis es wieder zu einem Überangebot an Nahrung kommt, was erneut Bevölkerungswachstum ermöglicht. Für die europäische Geschichte sind solch schwere Krisenzeiten für das 14. und das 17. Jahrhundert nachgewiesen.
Wenn jedoch – wie oben beschrieben - ganze Länder durch Klimaverschlechterungen in Not geraten, trifft dies auch die Reichen. Sie können sich zwar noch länger gegen den Niedergang schützen, sofern es aufgrund der weit verbreiteten körperlichen Schwächung durch allgemeinen Hunger nicht zu Aufständen kommt. Auch wurden sie weniger von Mangelerkrankungen wie Lepra betroffen und können leichter vor der Pest flüchten, aber Reichtum allein war und ist bei heute keine Garantie fürs Überleben.
Meist sind es Ursachenbündel, die Gesellschaften vernichten oder zu einer nachhaltigen Anpassung an veränderte Lebensumstände zwingen. Zu den genannten Veränderungen des Klimas kommen dann noch in Folge von Hungersnöten Seuchen hinzu, weiter Befall von gelagertem Getreide mit Pilzen, Schädlingsbefall (Mäuse, Hamster, Heuschrecken). Alles zusammen führte zu extremen Notlagen.
Für die 1000 Jahre des europäischen Mittelalters von 500 bis 1500 n. Chr. sind zahlreiche solcher Notzeiten bekannt (und die Aufzählung ist aufgrund der besseren Quellenlage meist nur auf das westliche Europa beschränkt): Im Jahre 536 n. Chr. brach der Vulkan Rabaul (Papua-Neuguinea) aus und verfinsterte vermutlich überall auf der Erde die Sonne für 18 Monate mit schwersten Auswirkungen für die Ernährung. In zeitgenössischen Beschreibungen heißt es, dass viele Menschen an Hunger und beim Versuch, sich von ungeeigneten Ersatzstoffen zu ernähren, gestorben seien. Zwischen 805 und 810 (zur Regierungszeit Karls des Großen) gab es im Fränkischen Reich eine schwere Hungersnot, 843, 868 (in Gallien und Burgund, hervorgerufen durch schwere Unwetter mit Überschwemmungen verursachenden Flüssen), und weitere in den Jahren 912, 993 und 994, sowie 1089. Sehr heftig auch 1095, als es in Reaktion darauf zu Ausschreitungen mit Diebstählen und Brandstiftungen kam, erneut 1126/27 in Flandern und Frankreich, 1194 – 96, und 1225. Zudem von 1315-17 in ganz Europa. Es wird von vielen Überschwemmungen und Kälte bis in den Sommer berichtet. Auch hier kamen viele beim Versuch, sich von Gras und Wurzeln zu ernähren, um. 1328/30 traf es Italien, 1333/34 Spanien, 1347 wieder Italien, 1340/47 Südfrankreich. Diese Serie von Hungersnöten im 14. Jahrhundert hatte die Menschen so geschwächt, dass die Pest in ihrem verheerendsten Seuchenzug in der europäischen Geschichte (1346-52) 40 % der Bevölkerung (in manchen Gegenden, vor allem in Städten bis zu 70 %) töten konnte.
Durch den Rückgang der Bevölkerung in Folge der Pest war bis ins 16. Jahrhundert eine Situation gegeben, in der das Nahrungsangebot größer als die Nachfrage war. Aber auch in dieser Zeit kam es 1437/38 erneut europaweit, verbunden mit einer immensen Mäuse- und Hamsterplage, zu einer Hungersnot. Man kann zwar argumentieren, dass viele dieser Hungersnöte regional begrenzt waren und die meisten Menschen bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von ca. 30 Jahren meist nur eine dieser Hungersnöte zu erleiden hatten, vorausgesetzt, sie überlebten diese überhaupt. Aber es wird aus den Aufzählungen auch deutlich, dass beim Auftreten von Hungersnöten zuerst die Ärmeren betroffen warn. Denn mit jeder Verknappung an Grundnahrungsmitteln stiegen deren Preise stark an. Die Armen mussten auf minderwertiges Getreide oder Ersatzstoffe ausweichen, die ungesund und wie bereits erwähnt tödlich wirken konnten. Besonders stark stieg die Zahl der vom Antoniusfeuer Getöteten an, denn in feuchten Jahren wurde Roggen sehr stark von Mutterkornpilz befallen, was aus heutiger Sicht Ursache dieser schweren Vergiftungserkrankung mit so schrecklichen Zwischenstufen wie verfaulenden Gliedern und schließlich tödlichem Ausgang ist.
Mann muss sich aber klar machen, dass Armut im europäischen Mittelalter eine allgemeine Erscheinung war. Die Kirche sah in Reichtum und Armut etwas an, das sich gegenseitig bedingte. Da Reichtum als Hindernis auf dem Weg ins Himmelreich galt, konnten Reiche nur durch umfangreiche Spenden für Arme dorthin gelangen. Städter, die durch Handel Geld verdienten, hatten deshalb oft einen eigenen Almosenbeutel bei sich. Die Armen dagegen lebten nach Vorstellung der Kirche und vieler Gläubiger vor allem im Hochmittelalter das christliche Ideal einer vollkommenen Bedürfnislosigkeit in der Nachfolge Christi, dem es im eigenen Leben nachzueifern galt. Eine breite Bewegung eines Lebens in selbst gewählter Armut entstand, der sich Gruppen wie die Waldenser ebenso verpflichtet fühlten wie Elisabeth von Thüringen, die nach Marburg ging, um dort in einem Hospital Kranke und Arme zu pflegen. Nach anfänglicher Unterstützung distanzierten sich Klerus und Papst von dieser Neuausrichtung des Christentums und erklärten die Waldenser zu Ketzern, die dann auch verfolgt und ermordet wurden.
Nachdem die zahlreichen Hungersnöten zu Beginn und bis Mitte des 14. Jahrhunderts und die Seuchenzüge der Pest die Menschen nachhaltig verunsichert und zudem durch Ansteigen der Getreide und anderer Preise stark haben verarmen lassen, zogen Massen von Armen von Kloster zu Kloster und Stadt zu Stadt, um Almosen zu erbetteln. Aus der hochmittelalterlichen Bewegung eines freiwillig gewählten Lebens in Armut war nun eine allgemeine Notlage geworden, die herumziehende Arme zu manchen Zeiten (im 15. Jahrhundert) bis zu 1/3 einer Stadtbevölkerung werden lassen konnte. Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass in dieser Zeit eine Überprüfung des Ideals eines armen Lebens in der Nachfolge Christi einsetzte und zwischen unverschuldet arm gewordenen Menschen (wie Witwen), Ortsarmen (die wenigstens noch eine eigene Unterkunft hatten), grundsätzlich armen Gruppen (wie der Landbevölkerung insgesamt) und Arbeitsscheuen stattfindet. Damit kündigt sich bereits der Wechsel der Weltanschauung in der Renaissance an: Weg von einer Wahrnehmung der Welt als Ort der Prüfung im Vorfeld des dann folgenden besseren jenseitigen Lebens im Himmel oder in der Hölle - hin zu einer neuen Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit.
Aber auch nach 1500 änderte sich am Auftreten von Hungersnöten kaum etwas. Man geht heute davon aus, dass es zwischen 1300 und dem Ende des 18. Jahrhunderts eine dauerhafte Absenkung der Jahresdurchschnittstemperaturen gab. Aus dem Jahre 1602 (auch die folgenden Angaben hier sind keineswegs vollständig) ist erneut eine Hungersnot in Italien (mit Versuchen der Massen, gewaltsam an Nahrungsmittel zu gelangen) bekannt, 1628-32 ebenfalls dort (mit Pest), 1649-54 in Frankreich, 1647-49 in England, 1693/94 in Frankreich und Deutschland, 1709/10 ebenfalls in diesen Gebieten. 1739/40 traf ein Extremwinter große Teile Europas, 1764/67 waren Italien und Spanien von Missernten und ihren Folgen betroffen, 1771/74 Deutschland, in den 1780er Jahren erneut Frankreich.
Am 10./11.4.1815 brach der Vulkan Tambora (Indonesien) aus und schleuderte so große Mengen Asche und Gase in die Atmosphäre, dass es in allen Teilen der Welt zur „Tambora-Kälte“ kam. Sie wirkte sich bis ins Jahr 1817 aus. Irland wurde 1845-47 von einer Kartoffelfäule getroffen und Typhus raffte weitere Geschwächte hin. 1847 wurden aber auch andere Teile Europas von Hunger betroffen.
Jede dieser Krisen ließ die Zahl der Armen ansteigen. Eine allgemeine Verbesserung der Situation war unter solchen Bedingungen (die vielen Kriege, besonders der in einigen Gegenden verheerende Dreißigjährige nicht zu vergessen, in denen es oft auch zur Kriegstaktik gehörte, die Felder in gegnerischen Gebieten zu zerstören oder alle Vorräte in Dörfern zum eigenen Vorteil mitzunehmen) nicht möglich. Es gab Zeiten, in denen Massen von Landarmen in die Städte strömten, weil sie hofften, dort noch Essbares zu finden (seit dem Hochmittelalter gaben die damals entstandenen Bettelorden Armensuppen aus). In anderen Jahren hofften Stadtbewohner, auf dem Land und in den Wäldern Ersatzstoffe für das so wichtige Getreide zu finden. Denn insgesamt wurden die meisten Krisen dadurch verstärkt, dass die Ernährung zum größten Teil durch Getreide erfolgte (als Brot, als Brei, als Beimischung in Suppen, Fladen, Nudeln, Pfannkuchen) und daneben oft nur noch Milch bzw. Milchprodukte und nur nach der Pest und im 15. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts auch aus viel Fleisch. (Hier gibt es jedoch starke Unterschiede in Europa. So ist in Flamen und in Polen auch über diese Zeit hinaus viel Fleisch konsumiert worden, was für andere Landwirtschaftsformen oder eine bessere Situation auch bei den weniger Verdienenden spricht.) Gemüse (Hülsenfrüchte, Rüben, Kohl) dagegen galt bis ins 19. Jahrhundert als Arme-Leute-Essen, war vor allem Zutat zu Suppen und wurde vielfach in kleinen Gärten neben den Häusern (auch in kleineren Städten) angebaut. Man geht davon aus, dass um 1500 jeder Erwachsene pro Jahr 200 bis 250 Kilogramm Brot aß, im 19. Jahrhundert sogar 300 kg.
In den letzten Jahren erbrachten archäologische Ausgrabungen (nach einer Hinwendung zu einer stärkeren bodenkundlichen Erforschung auch der Zeit des Mittelalters und des 16. – 19. Jahrhunderts) interessante Ergebnisse: Am Zustand der gefundenen Knochen ließ sich feststellen, dass viele von ihnen Zeiten des Mangels und des Hungers durchmachen mussten.
In Südamerika wurde seit der Entdeckung durch die Spanier und Portugiesen sowie durch die Schaffung von Kolonien durch Franzosen und Engländern (auch in Mittelamerika und der Karibik sowie in Asien) die Verhältnisse dadurch bestimmt, dass die europäischen Herren dort die örtliche Bevölkerung oder Sklaven (aus Afrika) zu geringsten Löhnen arbeiten ließen, die eine Ernährung nur von den nicht exportierbaren Resten erlaubte, was zu einer geringen Lebenserwartung der Menschen führte. Armut war und ist bis heute in vielen dieser Länder weit verbreitet. Zwar wurde auch hier von Missionsgesellschaften und später von bürgerlichen Fürsorgeeinrichtungen in Europa versucht, dem Bewusstsein eigener Schuld am Tod vieler Menschen entgegenzuwirken, aber es ist schon ein merkwürdiges Paradox, dass dazu ein kleiner Teil des Reichtums eingesetzt wurde, der gerade aus der Ausbeutung von Millionen von Menschen in diesen Gebieten der Welt entstanden war. Solche Ausbeutungsunternehmen waren zum Beispiel die Westindiengesellschaft oder die Ostasiengesellschaft.)
In Ländern wie Haiti lebt die Bevölkerung noch heute ständig zwischen der Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer insgesamt armen Verhältnisse und der Enttäuschung darüber, dass im Chaos häufiger politischer Umbrüche sich wenig ändert. Filmberichte in TV-Magazinen erinnern in großer Regelmäßigkeit an Menschen, die direkte neben den Bahngleisen in Slumsiedlungen hausen oder die von der Sortierung von Hausmüll auf ägyptischen Mülldeponien leben, die entlang von vergifteten Flüssen am Rande von Mexico-City zu überleben versuchen oder sich mit der Polizei in den Favelas von Rio Bandenkriege liefern. Meist sehen sie aber keine Möglichkeit, über die Anklage hinaus, etwas an den Verhältnissen zu ändern. Und so ist es auch nicht erstaunlich, dass bei Schlammerdrutschen überwiegend Notunterkünfte von Armen, beim Tsunami 2004 sehr viel mehr Wohnungen von Armen als von Reichen getroffen wurden und deren Anteil an den Opfern immer viel höher ist als die der Vermögenderen. Die gilt auch für Erdbeben, Überschwemmungen von Flüssen, Missernten in Afrika aufgrund von zu großer Trockenheit oder zu heftigen Regenfällen.
Aber auch in Europa kam es kriegsbedingt während des Ersten Weltkrieges (im Jahr 1917) zu einer vor allem in Deutschland starken Hungersnot, in Leningrad während der deutschen Belagerung ebenfalls zu schwerstem Hunger und für die Zeit unmittelbar nach Kriegsende und bis Ende 1946 in den zerstörten deutschen Städten ist ein allgemeiner Mangel an Nahrungsmitteln bekannt. Aus beiden Abschnitten der Deutschen Geschichte existieren zahlreiche Kriegskochbücher, die an schon früher bewährte Ersatzstoffe erinnerten und den Umgang mit ihnen erklärten.
Erfolge und Misserfolge im Kampf gegen Armut und Hunger
Nach meiner Einschätzung waren besonders die Gesellschaften für radikale Umbrüche anfällig, in denen sich die Herrscher zu Gottheiten überhöht hatten oder behaupteten, die Gesellschaftsordnung in der bestehenden Form sei insgesamt gottgewollt, die zudem von einer entsprechend privilegierten Schicht gestützt und geschützt wurde (wie etwa im alten Ägypten), die wiederum von den Untertanen nicht nur Arbeit, sondern Verehrung/Religiosität bis zur Selbstopferung verlangten.
Die meisten Herrscher dürften sich darüber im Klaren gewesen sein, dass das Überleben ihres Herrschaftsanspruchs nur dort möglich war, wo auch die Untergebenen in erträglichen Verhältnissen lebten. Und sie waren sich zudem ihrer Vorteile bewusst: Sie allein verfügten über das nötige Wissen zur Führung von Staaten: Kenntnisse der Strategien des Umgangs mit Konkurrenten, in Kriegen, das Wissen um die richtige Belohnung, um Bindung von Untergeordneten an die eigene Person und die Herstellung von Gerechtigkeit in privaten Streitfällen. Man wusste, wie man mit Konkurrenten umzugehen hatte: Sie wurden mit guten Einkünften versehen, in Huldigungszeremonien zur Unterordnung verpflichtet und dadurch in ihrem Machtstreben (häufig jedoch nur vorübergehend) begrenzt. Dies gilt sowohl für die Zeit der römischen Herrschaft in Europa und Nordafrika als auch für das Mittelalter in diesem Teil der Welt.
In normalen Zeiten ertrugen die Abhängigen die Last der Abgaben. Kamen jedoch mehrere Faktoren zusammen und die Armut nahm über die Grenze des Erträglichen zu, war also das Leben nichts mehr wert, so konnte man sich auch einem Aufstand anschließen. Die meisten endeten in der Tat mit dem Tod der Aufständischen, weil sie nicht über das nötige strategische Wissen und nicht über eine den Truppen der Herrscher adäquate Ausrüstung verfügten. Nicht alle Aufstände waren sozial motiviert, aber Notzeiten waren dennoch bevorzugte Zeiten für Widerstand.
Die meisten erfolgreichen Aufstände wurden von Abtrünnigen aus der Herrschaftsschicht angeführt. Deshalb gingen die meisten Herrscher auch radikal und rücksichtslos mit solchen „Verrätern“ um, wenn sie von deren Plänen erfuhren. Damit wird aber auch klar, dass Sozialfürsorge immer auch der Versuch einer Politik der Befriedung war, ein Abtreten von etwas Vermögen zur Sicherung des Restes.
Schon die Hethiter (2000 v. Chr. in Kleinasien, dem heutigen Anatolien, lebend) kannten gemeinnützige Stiftungen, die sich neben anderen Aufgaben auch um die Betreuung von Armen kümmerten. Im Osmanischen Reich gab es ebenfalls karitative Stiftungen, die entweder von einem Treuhänder oder vom Staat verwaltet wurden. Soziale Tätigkeiten waren zwar auch hier nur ein Teil, aber für den inneren Frieden ein sehr wichtiger ihrer Aufgaben: So errichteten sie Krankenhäuser und Pflegeheime, Armenhäuser und betrieben Volksküchen.
In den christlichen Ländern des Mittelalters entstanden Bettelorden, die sich selbst Bedürfnislosigkeit auferlegten und ihr ganzes Tun auf die Sozialfürsorge ausrichteten ((Dominikaner, Augustiner-Eremiten, Franziskaner, Karmeliter). Die Orden sahen neben ihren Sozialaufgaben jedoch auch ihre Aufgabe darin, Ungläubige zu missionieren und Ketzer zu bekämpfen. Im 14. Jahrhundert kam es zum Armutsstreit zwischen Papst/Klerus und Franziskanern. Die Franziskaner behaupteten, Jesus sei völlig besitzlos gewesen. Die päpstliche Seite widersprach einer so radikalen Vorstellung und setzte sich durch. Wer danach weiter behauptete, der Weg der Armut sei der einzig richtige für die Kirche, galt als Ketzer und wurde verfolgt.
Aus Jahren extremer Hungersnöte sind Berichte überliefert, dass auch der Klerus (Bischöfe) den Armen ihre Speicher öffneten oder aus anderen, aus einem von dieser regionalen Missernte nicht betroffenen Gebiet Getreide ankaufte. Die ausführliche Erwähnung solcher Aktionen in Chroniken lässt vermuten, dass sie nicht allzu häufig stattfanden und nicht allgemein üblich waren.
Auch das Festhalten an traditionellen Ansichten verhinderte manchmal einen möglichen Ausweg aus einer Hungersnotlage: Trotz schwersten Hungers war man im 18. Jahrhundert in mehreren deutschen Ländern nicht bereit, auf Feldern Kartoffeln anzubauen (was von den Grundherren nicht gefördert wurde, denn ihre Einkünfte waren traditionell vom Getreidezehnt abhängig). Man hielt in der Bevölkerung diese neue Frucht für die Auslöser von Schwindsucht und als Verursacher von Geschwüren. Bei rohem Verzehr und Lagerung an Licht ist es nicht grundsätzlich falsch, Kartoffeln für gesundheitsschädlich zu halten, aber als Ursache für schwere Krankheiten sind sie nicht bekannt geworden und wären mit Sicherheit in Südamerika auch niemals angebaut worden. Dies zeigt (und es gibt andere Beispiele aus anderen Kulturen, die Jared Diamond in seinen interessanten Bücher „Kollaps“ bzw. „Arm und Reich“ anführt), wie Bevölkerungen an Ansichten festhielten (bzw. dazu von ihren Herrschern gezwungen wurden), die in letzter Konsequenz sogar die eigene Überlebensgrundlage zerstören konnten.
Ich halte es deshalb für falsch, die Ursache für die Armut der Armen nur beim Reichtum der Herrschenden zu suchen und die Lösung solcher sozialer Probleme von einer Umverteilung des Besitzes abhängig zu machen. Die Dinge sind komplizierter und Landbevölkerungen oft zu konservativ, um sich von ihren Traditionen (auch von nachteiligen) zu lösen, was nicht nur für Europa, sondern auch für viele Gebiete Afrikas bis heute gilt. Trotz intensiver Bemühungen zu einer Hilfe zur Selbsthilfe existieren dort in vielen Gegenden noch immer patriarchalische Strukturen oder Stammesvorschriften, die einer Verbesserung zum Beispiel im Bereich der Gesundheitsfürsorge oder Trinkwasseraufbereitung im Wege stehen. Es geht dabei nicht um die Sicherung eigenen Reichtums, sondern um die Angst vor dem Verlust der eigenen Autorität. Aber die eigene Bevölkerung lieber sterben zu sehen, wie jetzt in Zimbabwe, als von den eigenen altersstarren Ansichten abzuweichen, ist eine schwere Verletzung von Menschenrechten und darf nach heutigen Vorstellungen nicht mehr einfach nur hingenommen werden. Wenn es der Menschheit gelungen ist, Gerichte für Kriegsverbrecher zu schaffen, so ist es an der Zeit, Potentaten, die ihre eigene Bevölkerung in Armut und Hunger umkommen lassen, ebenfalls wie Kriegsverbrecher zu behandeln.
Erst in der Zeit der Aufklärung (ab ca. 1770) wurden in Europa neue Konzepte der Fürsorge entwickelt. Jedoch nicht aus reiner Nächstenliebe. Mit dem Entstehen von Manufakturen war eine ausdauernde Arbeitsleistung erforderlich. Anders als bei ländlicher Arbeit wollte der Inhaber dieser frühen Form von arbeitsteiliger Fabrikation seinen Beschäftigten nur kurze Pausen zugestehen. Deshalb musste er sich auch um eine bessere Ernährung für die von ihm Abhängigen kümmern, um ihnen gleichzeitig für eine bessere Ernährung auch einen höheren Stücklohn bezahlen zu müssen. Anleitungen zum Kochen für Arme wurden publiziert und verteilt. Benjamin Thomson, Reichsgraf von Rumford, ließ die nach ihm benannte Rumfordsche Armensuppe aus ausgekochten Knochen, Kartoffeln, Graupen - und wenn vorhanden etwas Speck – in seinem bayrischen Arbeitshaus ausgeben. Auch die Einrichtung von Armenhäusern selbst folgt dem Prinzip, dass auch die Ärmsten sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen sollten, also Arbeit der beste Weg aus der Armut sei.
Weitere Schritte zur Verminderung der Armut waren nach einem Anwachsen der Zahl der Armen zu Beginn der Industrialisierung in England und Deutschland das Entstehen einer – oft wieder von den Kirchen, aber auch von privaten Kreisen getragenen – Sozialfürsorge. Mit der Einführung von Sozialversicherungen durch Bismarck wurde ein weiterer Schritt getan. Aber dennoch bildeten die großen Vermögensunterschiede im 20. Jahrhundert sich in den verschiedenen Parteien ab und waren Grundlage zahlreicher Ideologien. Es soll in diesem Zusammenhang nicht ausgelassen werden, daran zu erinnern, dass zahlreiche Deutsche zur Zeit des Nationalsozialismus von Enteignungen jüdischer Bürger profitierten und die gesamte Politik der NSDAP den alten Prinzipen folgte, durch Beutezüge innerhalb ganz Europas der eigenen Bevölkerung zu einer (auch materiellen) Überlegenheit zu verhelfen und so eine nivellierte „Volksgemeinschaft“ auf Kosten anderer, die in den Tod geschickt oder zuvor noch bis zum Ende ihrer Kräfte ausgelaugt werden sollten, zu errichten.
Nachruhm für rücksichtslos selbstsüchtige Herrscher bis heute? – Komplexe Verbindungen von Reichtum und Armut
Zahlreiche Herrscher fällten jedoch nicht nur einige, für die Untertanen nachteilige Entscheidungen, sondern betrieben ganz offen und in rücksichtsloser Weise ihre eigene Machtentfaltung ohne Rücksicht auf Menschenleben. Man geht heute davon aus, dass die beiden chinesischen Kaiser, die sich mit riesigen Armeen aus Terracotta-Soldaten bestatten ließen, dies nur deshalb taten, weil sie glaubten, sich nur so im Jenseits gegen die Rache der vielen von ihnen Getöteten schützen zu können. Auch beim Bau der verbotenen Stadt ging der chinesische Kaiser überaus rücksichtslos mit dem Leben von Arbeitskräften um.
Auch die Erhöhung von Abgaben und der Einführung neuer Steuern zur Aneignung von großem Geldvermögen in der Hand von Monarchen war eine Form dieser, nicht mehr am Wohl der Untertanen orientierten Repräsentationspolitik. Mit diesen Mitteln wurde in Europa nicht nur der Bau riesiger Schlösser finanziert (was eine europaweite Welle der Imitation auslöste), sondern auch zahlreiche Feste, großartige Essen und prunkvolle Auftritte. Das Leben der einfachen Menschen war auch hier wenig wert. So wird vom französischen König Ludwig XIV. berichtet, dass, als ihm ein Geschwür am After entfernt werden sollte, seine Ärzte diesen Eingriff zuerst an zahlreichen Untertanen, die eine ähnliche Geschwulst aufwiesen, geübt hätten, mit dem Ergebnis, dass viele diese Versuchspersonen die Eingriffe nicht überlebten. Seine Fähigkeit, maßlos essen zu können, wird heute übrigens aus einen Bandwurm und den massiven Einsatz von Abführmitteln zurückgeführt. Während die Landbevölkerung hungerte, fraß der König Mengen, die er gar nicht verdauen konnte. Sein übernächster Nachfolger, Ludwig der XVI. und seine Frau Marie Antoinette, die angeblich hungernden Franzosen empfohlen haben soll, wenn es kein Brot gäbe, doch einfach Kuchen zu essen, zogen durch ihre respektlose Haltung so den Hass der Massen auf sich, dass deren verzweifelte Wut sich in einer Revolution (1789) entlud und schließlich dem König und der Königin den Kopf unter der neu erfundenen Guillotine kostete.
Zu erinnern ist auch an einige russische Zaren, römische Kaiser oder ägyptische Pharaonen, die auf dem Rücken von Tausenden von Menschen Herrschaften errichteten, in denen vor allem sie selbst im Mittelpunkt standen.
Schon Werner Sombart hat in seinem Buch „(Liebe,) Luxus und Kapitalismus“ (1913) jedoch darauf hingewiesen, dass die Situation im französischen „Ancien Régime“ komplizierter waren, als sie auf die einfache Formel „Reicher, für die Bevölkerung schädlicher König/Adel contra völlig verarmte, hungrige Massen“ zu bringen ist. Während in der Tat die Landbevölkerung stark litt, erzeugten die Luxuswünsche vor allem der Damen an den Höfen eine große Nachfrage an Luxusprodukten, die noch heute die französische Wirtschaft prägen: Schöne Kleidung, Parfüm, Haarpflegeprodukte, Schmuck, Luxusnahrungsmittel usw. ließen in Zusammenhang mit den Bautätigkeiten zahlreiche handwerkliche Betriebe aufblühen und verschafften deren Inhaber sowie Händlern große Einkünfte. Ohne massive adlige finanzielle Selbstverausgabung in der Zeit des Barock und Rokoko hätte sich wohl niemals das Bürgertum als wirtschaftlich neue Kraft im Verlaufe des 19. Jahrhunderts etablieren können.
Zudem sorgen die Gebäude, die solche rücksichtslosen Herrscher hinterlassen haben, noch heute in vielen dieser Länder für erhebliche Einnahmen aus einem Massentourismus, den sich bisher jedoch nur Bewohner reicher Länder leisten können. Insgesamt ärgerlich ist daran, dass diese Potentaten dadurch bis heute noch in der Erinnerung der Menschheit präsent sind, während nicht nur die Namen der vielen Sklaven und Arbeiter, die Pyramiden und Paläste errichteten, unbekannt sind und bleiben werden. Auch die Namen der Herrscher, die sich mehr um die Lebensverhältnisse ihrer Untertanen und weniger um die Errichtung von Monumenten für die Nachwelt kümmerten, sind bedauerlicherweise im Vergleich zu den selbstherrlichen Herrschern eher in Vergessenheit geraten.
Die meisten Menschen sind auch heute noch mit architektonischen oder persönlichen Demonstrationen von Reichtum (z. B. großartiges Auftreten, vornehme Kleidung, adlige Haltung, großzügige Verteilung von Geldern) zu beeindrucken, weshalb bis in die Gegenwart Weltgegenden, in denen sich Kapital konzentriert, mit architektonisch auffälligen Gebäuden allgemeine Aufmerksamkeit der Weltbevölkerung auf sich lenken wollen (Golfstaaten, Peking, Shanghai). Denn die meisten Durchschnittsverdiener orientieren sich in der Ausrichtung ihres Lebens am Reichtum und versuchen, durch Arbeit, Spekulation oder illegale Geschäfte ihre materielle Lage nachhaltig zu verbessern. Da es jedoch den wenigsten dauerhaft gelingt, wirklich aus ihrer Notlage heraus zu kommen, richtet sich ihr Blick auch deshalb nach oben, um dadurch das eigene Elend zu vergessen und von einem plötzlichen Wunder etwa durch einen Lottogewinn träumen zu können.
Die Ausbreitung des Wohlstandes auf viele Personen: Der Weg des Bürgertums
Das Bürgertum des 20. Jahrhunderts ist die erste Schicht in der Geschichte, der es zahlenmäßig in einem größeren Umfang gelang, Vermögen anzuhäufen. Diese Versuche, Kapital durch Sparen oder durch günstige Verbindungen mit Standesgenossen zusammenzutragen und dann zu investieren, war bereits im 19. Jahrhundert eine wichtige Voraussetzung für das Entstehen von Industriebetrieben, durch die jedoch andererseits eine neue abhängige Armenschicht entstand.
Sieht man jedoch den Weg des Aufstiegs des europäischen bzw. später auch nordamerikanischen Bürgertums im Überblick, so ist es dennoch erstaunlich, mit welcher Ausdauer dieser Aufstiegsweg durch die Jahrhunderte beschritten wurde. Trotz zahlreicher Unterbrechungen durch Hungernöte, Kriege, Steuerlasten und Wirtschaftskrisen in der frühen Neuzeit (16. -18. Jahrhundert) sind es vorwiegend Händlern und daneben noch einigen Handwerker, die im Auftrag von Herrschern arbeiteten, die sich selbst einen gewissen Wohlstand aufzubauen konnten, auf den sie so stolz waren, dass sie ihn durch entsprechend repräsentative Bauten meist rund um den Marktplatz oder um das Rathaus zur Schau stellten. Keine Frage, dass sie in ihrem Handeln auch vom Wunsch einer Imitation adliger Sitten getrieben wurden, aber die vornehmen Häuser in alten Städten mit schönen Schmuckfassaden zeigen auch einen ganz eigenen Stil. Obwohl es über viele Jahrhunderte nur sehr geringe Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der Gesamtgesellschaft gab, wurde von Angehörigen dieses Standes dennoch ausdauernd an einer Ausdehnung des eigenen Einflusses zuerst auf die wirtschaftlichen, dann auf die politischen Verhältnisse in den Städten, ab dem 19. Jahrhundert auch auf das der Länder gearbeitet. Waren im Mittelalter noch genau festgelegte Kleiderordnungen für die Angehörigen jedes Standes verbindlich, entstand im Laufe der Zeit, besonders aber nach der Französischen Revolution, ein bürgerlicher Kleidungs- und Lebensstil sowie bürgerliche Erziehungsideale als Vorstufe einer zunehmenden Eroberung auch der politischen Macht im Verlauf des 19. , in manchen Ländern jedoch erst des 20. Jahrhunderts. Mit der bürgerlichen Demokratie ist es dieser Schicht schließlich gelungen, selbst zur gesellschaftlich bestimmenden Kraft zu werden, nachdem der Adel durch Revolutionen und die Industrialisierung an Bedeutung verloren hatte.
Auch den Bauern, auf einer noch viel schlechteren ökonomischen Grundlage als das Bürgertum gelang es in Europa, besonders im 18. und 19. Jahrhundert nach der so genannten Bauernbefreiung ihre rechtliche und soziale Situation zu verbessern (im Bereich der Gutsherrschaften jedoch erst im 20. Jahrhundert). In dieser Zeit entwickelte sich mit der Zunahme der Bevölkerung insgesamt auch eine größere Differenzierung der Vermögensverteilungen. Neu entstand des Kleinbürgertum und unter ihm die Arbeiterschaft als Unterschicht.
Viele Menschen aus dem ländlichen Bereich nutzten in dieser Zeit auch die Möglichkeit, den bis zum Ende des 1. Weltkrieges noch weitgehend von Königen und Adel beherrschten europäischen Kontinent in Richtung republikanische USA zu verlassen. Da die Dorfgemeinden für ihre armen Mitglieder auch finanziell verantwortlich waren (und dazu bereits in der Reichspolizeiordnung von 1530 verpflichtet wurden, was dann in der Folge auch zu Fällen von Hinrichtungen „ausländischer Armer“ führte, zahlten viele Kommunen den Auswanderungswilligen die Kosten der Reise nach Hamburg und für die Überfahrt nach New York, um sich und den besser gestellten Einwohnern langjährige Fürsorgezahlungen zu ersparen. Amerika (hier Nordamerika) diente also nicht nur zur Bereicherung Europas, sondern auch als Gebiet zu einer – wie man heute sagen würde – erfolgreichen Abschiebung von belastenden Personen, das heißt: ebenfalls zu einer Verbesserung der sozialen Situation der in der Heimat Verbleibenden. Dort fanden die Auswanderer ein neues, republikanisches Verständnis von Bürger-Sein vor, das sich nicht nur auf der Zugehörigkeit zu einem Stand oder Besitz von Vermögen stützte, sondern alle zu einem Staat Zugehörigen einschloss und ihnen formal die gleichen Rechte zusicherte. Gleichzeitig mussten sie jedoch erkennen, dass dies nicht für die Sklaven in den Südstaaten galt. Erst mit dem Sieg der liberalen Nordstaaten im Bürgerkrieg wurde der Grundstein für das Ende der Sklaverei und vor allem deren extremer Armut gelegt. Jedoch erst im 20. Jahrhundert erhoben die Schwarzen selbst Forderungen nach Gleichberechtigung und entstanden Verhältnisse, die einen Aufstieg von Nichtweißen in höhere gesellschaftliche Positionen und damit ein Leben unter besseren materiellen Umständen ermöglichten.
Die Situation heute: Die Fortdauer der alten Unterschiede - Kapitalkonzentration in wenigen Händen und eine Welt, in der 50% arm sind
In den europäischen Kolonialstaaten ließ der Kampf gegen militante Widerstandsgruppen und Unabhängigkeitsbewegungen die Kosten für deren Verwaltung so in die Höhe schnellen, dass die Kolonialmächte diese Gebiete nach 1945 in rascher Folge in die politische Selbständigkeit entließen, sie jedoch meist weiter wirtschaftlich und über Staatenbündnisse auch politisch in Abhängigkeit hielten. Mit erheblichen Folgen für die Bevölkerung: Korrupte Eliten etablierten und bereicherten sich und ließen die eigene Bevölkerung weiter im Elend leben.
Der Kolonialismus bzw. Imperialismus war der bereits mit dem Ersten Weltkrieg politisch gescheiterte Versuch europäischer Großmächte, durch die Erweiterung ihrer ökonomischen Grundlagen – und damit durch Aussaugen dieser Länder und ihrer Bevölkerungen – zu einer die gesamte Welt dominierenden Führungsmacht zu werden. Dass im Zweiten Weltkrieg schließlich alle diese Mächte – mit Ausnahme der Sowjetunion, deren Führung auch danach einen Kurs der Annektierung von Nachbargebieten verfolgte - ihre dominierenden Positionen verloren und die USA zu einer der beiden Führungsmächte der Welt aufstieg, beweist, dass Geschichte sich oft nicht so entwickelt, wie es Strategen in den Führungskreisen von Staaten erwarten, und dass sogar die Ausbeutung von Millionen in Kolonien nicht immer eine Gewähr dafür bietet, an der Macht zu blieben.
Durch die Industrialisierung und die Produktion von Massengütern kamen zuerst in Nordamerika, nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Westeuropa Arbeiter zu geringen Vermögen, integrierten sich dadurch in die Konsumgesellschaften und schworen dem Kommunismus ab. Nach dem Ende des so genannten Kalten Krieges dehnte sich dieser Prozess in beschleunigter Form auch auf Osteuropa aus, hinterließ neben Neureichen aber auch zahlreiche Verlierer dieses Umbruches. In manchen Ländern leben Minderheiten noch immer in ähnlich armen Verhältnissen wie ihre Vorfahren, haben viele Menschen trotz einer akademischen Ausbildung sich damit abfinden müssen, nur mit Billigjobs auf Niedriglohnniveau überleben zu können.
Während es also in Europa im Laufe der Geschichte gelang, den Wohlstand zu erhöhen und nur noch nach schweren Kriegen Hungersnöte auftraten bzw. in Gemeinschaften, die von einer nach kapitalistischen Regeln organisierten Gesellschaft an den Rand gedrängt wurden, ist dieses Problem in vielen Ländern der Welt ein nach wie vor brennendes. Man spricht heute von absoluter Armut, wenn Unterernährung die Regel ist. Insgesamt mehr als 1 Milliarde Menschen werden weltweit dazu gerechnet. Nimmt man jedoch als Minimum an Einkünften nicht den üblichen 1 Dollar, sondern 2 Dollar pro Tag, so ist die Hälfte der Menschheit als arm einzustufen. Aber auch in den industriell entwickelten Ländern gab und gibt es Gründe, die Menschen bzw. Familien arm werden lassen (zum Beispiel lang anhaltende Arbeitslosigkeit, viele Kinder, geringe Löhne) oder dauerhaft in Armut halten (Alleinerziehende, Überschuldete), von Sozialwissenschaftler als „neue Armut“ bezeichnet. Im Vergleich zur oben genannten absoluten Armut spricht man hier jedoch von einer relativen, wenn wenigstens noch das Existenzminimum gesichert ist, aber die dieser Gruppe Angehörenden insgesamt materiell unterversorgt und damit auch von der Teilnahme an Kultur und Bildungsmöglichkeiten ausgeschlossen sind.
Noch immer bestimmen die Art der Herrschaftsverhältnisse, die Position des Einzelnen bzw. einer Familie in der sozialen Ordnung einer Gruppe bzw. einer Gesellschaft und die wirtschaftlichen Fähigkeiten einer Gesellschaft insgesamt sowie die in ihr geltenden Normen, ob jemand zu Besitz kommt oder arm bleibt. Trotz vieler Anstrengungen (Milliarden US-Dollars und Euros aus Spendengeldern) scheint es unmöglich, die Zahl der Armen, der Hungernden, die am Hunger oder als Folge davon an Seuchen sterben, zu reduzieren. Die in der UN zusammengeschlossenen Länder haben sich im Jahr 2000 in ihren Milleniumszielen verpflichtet, die Zahl der Armen weltweit bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Während die Zahl der Reichen in einigen wenigen Ländern im 20. Jahrhundert auf ein nie zuvor gekannte Höhe anstieg und es durch einen großen wirtschaftlichen Aufschwung einer großen Mehrheit der Bevölkerung dieser Industriestaaten ordentlich bis gut geht, gehören Ländern wie Bangladesh, Mali oder Äthiopien zu den ärmsten der Welt und daran scheint sich auch bis 2015 nichts mehr Entscheidendes zu ändern.
Experimente auf der Grundlage von Ideologien, die die Gleichheit über die Freiheit stellten und davon ausgingen, dass ohne Besitzunterschiede bzw. ganz ohne Privatbesitz auch die Unterschiede zwischen Armut und Reichtum verschwinden und damit soziale Gerechtigkeit herrschen würde, scheiterten, weil sich eine Führungsschicht herausbildete, die Privilegien genoss, treue Gefolgsleute wie schon zu allen früheren Zeiten mit Vorteilen ausstatteten und Menschen, die anderer Ansicht waren, mit diktatorischen Mitteln verfolgten, unterdrückten und nur nach Schauprozessen viele Jahre in unmenschliche Haftanstalten oder Lager schickten.
Das ausgehende 20. war und das beginnende 21. Jahrhundert ist zudem davon gekennzeichnet, dass Massenepidemien wie Aids Gesellschaften im Süden Afrikas und in einigen Ländern Asiens bei ihrem Versuch, sich eine bessere wirtschaftliche Grundlagen für die Zukunft zu verschaffen, schwer behindern. Der weltweit riesige Bedarf an Energie, Bodenschätzen und gutem Trinkwasser wird vorhandene Unterschiede zwischen in dieser Hinsicht reichen und armen Regionen verfestigen und die Welt neu gliedern. Schon heute sind die Anfänge dieser Veränderungen zu erkennen. Die Industriegesellschaften mit ihren hohen Lebenserwartungen überaltern. Sie benötigen junge Arbeitskräfte zur Erledigung von einfachen Dienstleistungen und der Betreuung von Kranken. Familien aus ärmeren Ländern wählen die Personen aus, die sie für diese Arbeiten in die USA oder nach Europa schicken. Mit ihren Transferzahlungen an ihre Familien in ihren Herkunftsländern sichern sie deren Altersfürsorge und die Ausbildung der nächsten Generation. Diese Umverteilung wird irgendwann zu einem Aufstieg neuer sozialer Schichten führen, die auch politische Forderungen in ihren Heimat- wie in den Arbeitsländern stellen werden. Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise wird diesen Prozess lediglich verzögern. Der Reichtum wird insgesamt von den Ländern mit den durchschnittlich älteren Bewohnern weg in Ländern mit vielen jungen Leuten fließen, die wie schon in den Jahrhunderten zuvor in anderen Gegenden der Welt alles unternehmen, um die eigene Situation zu verbessern. Ob es dagegen gelingen wird, Massen von Menschen in Afrika, die seit Generationen von Hilfslieferungen abhängig sind und kein Selbstbewusstsein für die Möglichkeit, durch eigenes Handeln ihre Umwelt zu verändern, entwickeln konnten und können, aus dieser Abhängigkeit zu befreien, scheint fraglich. Deshalb wird dieses Thema auch weiter die Geschichte der Menschheit begleiten.
Bernhard Zilling
Literatur zum Thema:
Wolfgang Behringer, Kulturgeschichte des Klimas, München 2007
Jerome Blum (Hrsg.), Die bäuerliche Welt, Geschichte und Kultur in sieben Jahrhunderten, München 1982 (darin: Dietrich Saalfeld, Die Sorge um das tägliche Brot)
Jared Diamond, Arm und Reich, Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, Frankfurt am Main 1998
Massimo Livi Bacci, Europa und seine Menschen, Eine Bevölkerungsgeschichte, München 1999
Massimo Montanari, Der Hunger und der Überfluss, Kulturgeschichte der Ernährung in Europa, München 1995